Tausende Postkarten in Reichenbacher Museum zeigen Wandel der Stadt

Im Neuberin-Museum gibt es Tausende Postkarten, die den Wandel im städtischen Alltag greifbar machen. Eine dazu geplante Ausstellung will auch zum Gedankenaustausch anregen - eine Vorschau.

Reichenbach.

Wer erkennt seine Stadt anhand von auf Fotos abgebildeten Straßenzügen, Denkmalen oder Grünanlagen? Da wird es schon bei aktuellen, eher Details zeigenden Aufnahmen schwierig. Angesichts der im Neuberin-Museum zu Tausenden gesammelten historischen Postkarten mit Reichenbacher Motiven war für Martha Neupert aber das Ende der Fahnenstange erreicht. "Viele Straßen und Plätze habe ich einfach nicht erkannt, keine Chance ohne die dazugehörige Beschriftung. Ich habe auch nicht gewusst, dass über die Altstadtkreuzung mal Züge gefahren sind", sagt die 22-Jährige, die seit ein paar Monaten als Museumspädagogin auf Schloss Voigtsberg arbeitet.

Im Vorjahr hatte Martha Neupert im Neuberin-Museum in Vorbereitung der coronabedingt bis weit ins Jahr verschobenen Postkarten-Ausstellung "Reichenbacher Ansichten" als Praktikantin eine Vorauswahl der für die Schau vorgesehenen Motive getroffen und dabei so manche gerade für die jüngere Generation überraschende Entdeckungen gemacht. "Es klingt banal, aber manche Straße war weder geteert noch gepflastert, das war einfach nur Dreck. Und dann die Menschen, die Geschäfte, die Denkmäler, ich habe Reichenbach plötzlich mit anderen Augen gesehen. Dazu war das Drehen und Wenden der Karten ein fast schon sinnliches Erlebnis. Da hat jemand etwas geschrieben, vielleicht auch über seine Stadt, und es wurde gelesen", erzählt die Unterheinsdorferin von sich anschließenden Fragen: Wer waren diese Menschen, die ja Vorfahren der heutigen Reichenbacher sind? Was haben sie gedacht über ihre Stadt? War sie ihnen Heimat, haben sie mit Entscheidungen der Stadtväter gefremdelt?

Fragen, die Bezug zum aktuellen Wandel im Stadtbild haben. "Ich denke, die Ausstellung könnte zum Diskurs beitragen, wie wir unsere Stadt gestalten wollen, wie wir hier leben wollen. Schließlich prägt ja das Erscheinungsbild einer Stadt und das Verhältnis zu ihm die Identität ihrer Bewohner mit", sagt Martha Neupert. "Wie sehen wir also unsere Stadt? Wollen wir sie überhaupt aktiv mitgestalten, oder nehmen wir vieles nur hin?", sagt die Museumspädagogin und nennt ein positives Beispiel aus jüngster Zeit. So wurde über die Neugestaltung des Solbrigplatzes durchaus lebhaft und kontrovers diskutiert. Eine solche Standortbestimmung und die Suche nach einem gemeinsamen Nenner tue einer Stadt gut.

Im Hinblick auf die einst auf vielen Postkarten abgebildete Joppenberg-Bebauung mit der markanten Turnhalle hat das Martha Neupert jedoch vermisst. "Ich bin sicher, diese Ansicht von Reichenbach ist immer noch im kollektiven Gedächtnis präsent. Als Kind dachte ich immer beim Anblick aus der Ferne, die Turnhalle wäre ein Schlösschen. Schade, dass sie abgerissen wurde", sagt Martha Neupert. Ein Stück Reichenbach verschwindet. Ein Stück das jeder kennt. "Eine Diskussion darüber habe ich nicht wahrgenommen. Ist uns das egal?"

Fragen, die auch Grit Otto umtreiben. "Wir wollen in der Ausstellung nicht nur abbilden, was es für Karten gibt. Wir wollen auch ein Gefühl vermitteln, wie es damals war", sagt die Museumsmitarbeiterin. Die Karten und auf die Stadt Bezug nehmenden Texte darauf könnten da neue Informationen liefern. "Vielleicht weiß der ein oder andere Reichenbacher ja noch etwas zu Motiven und Inhalten eigener Karten zu berichten. Wissen, das sonst verloren gehen würde. Wir sind da auch im Hinblick auf die Gestaltung der Schau selbst noch völlig offen."

Derzeit stehen die Eckdaten der Ausstellung aufgrund der Coronalage noch nicht fest. Auch hinsichtlich der endgültigen Auswahl der vom Gebebrauchs- zum Sammelstück gewordenen Karten sowie einordnender oder fortführender Texte gibt es Spielräume. Sicher ist, dass Originale und stark vergrößerte Abzüge davon gezeigt werden und dass es Angebote zum Meinungsaustausch geben wird. Grit Otto: "Reichenbach hat Glück, dass noch so viel von den Vorlagen der Postkarten in der Stadt erhalten ist, viele andere Orte haben dieses Glück nicht."

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.