Verein beklagt: Männliche Gewaltopfer sind Tabu-Thema

Männer, die Opfer von Gewalt werden, haben es doppelt schwer. Statt auf Verständnis zu stoßen, sehen sie sich Spott und Häme ausgesetzt.

Lengenfeld.

Ein ungewöhnliches Thema, das eher weniger Beachtung findet in der öffentlichen Diskussion, behandelte am Montag ein Vortrag im Lengenfelder Quartierszentrum: Gewalt gegen Männer. Silvana Reiche-Zimmermann, die Leiterin der Einrichtung, hatte den Verein Weissenberg mit Sitz in Plauen eingeladen.

Bevor es los gehen konnte, mussten einige Gäste eine unerwartete Hürde nehmen: Der Veranstaltungsort mit der Anschrift Hauptstraße 14 war schwer zu finden. Ortsunkundige Anreisende, die sich mit Hilfe des Navis orientieren, gelangen nach Waldkirchen. Der Online-Kartendienst Google Maps kennt bisher die Hauptstraße 14 nur aus dem Lengenfelder Ortsteil. Seit die Volkssolidarität den verfallenen Milchhof und damit auch die Postanschrift zu neuem Leben erweckt hat, existiert die Hauptstraße 14 nun zwei Mal in Lengenfeld.

Gewalt gegen Männer, das erklärte der Referent, Vereinsvorsitzender und -gründer Marcel Schäder, ist ein Tabu-Thema. Diese Art von Gewalt habe viele Gesichter. Dass Frauen Männer schlagen, ist nur eines davon. Gemeint ist auch die psychische Gewalt, die Gewalt von Männern untereinander oder Übergriffe innerhalb der Familie, durch Väter oder andere Verwandte. Wie schwer es ist, mit diesem Thema auf Verständnis zu stoßen, musste Marcel Schäder oft erleben, einmal sogar im städtischen Sozialausschuss von Plauen. Einige Mitglieder hätten sich lustig gemacht, als er die Vereinsarbeit vorstellen wollte. Selbst in Gewaltsituationen zu Hilfe gerufene Polizisten haben sich gegenüber Opfern schon abfällig und voreingenommen geäußert, weiß Schäder aus seinen Gesprächen mit Betroffenen.

Die fehlende öffentliche Akzeptanz des Themas habe zur Folge, dass Männer sich schämen, sich als Opfer von Gewalt zu outen. Gewalt gegen Männer komme in allen sozialen Schichten vor. Schäder sagt: Das Thema sei deshalb so schwer zu vermitteln, weil das Bild des Mannes in der Gesellschaft mit solchen Berichten ins Wanken gerate. Die Männlichkeit werde in Frage gestellt. Männer, die Opfer von Gewalt werden, sehen sich schnell mit Begriffen wie Weichei oder Schwächling konfrontiert. In der Plauener Beratungsstelle erlebt es Sozialarbeiterin Jesica Morgner deshalb immer wieder, dass Betroffene zwar kommen, um über ihr Leid zu sprechen, dann aber ohne Konsequenzen wieder in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren.

Die Reaktionen der Opfer seien recht unterschiedlich. Einige schaffen es nicht, aus der Gewaltspirale auszubrechen. Andere brauchen dazu Jahrzehnte. Manche erkranken psychisch, verfallen in Depressionen und Suizidgedanken, andere schlagen zurück und werden selbst zu Tätern. Ein Teil schafft es, sich professionelle Hilfe zu holen. Für diese Männer bietet der Verein, ähnlich den Frauenhäusern, neben Beratung auch Schutzwohnungen an. Zwei davon gibt es in Plauen. Sechs weitere Vereine kümmern sich bundesweit um Fälle von Gewalt gegen Männer. Die Schutzhäuser seien ständig belegt, der Bedarf also groß, sagt Schäder. Deutschlandweit habe die Polizei 2018 etwa 25.000 Fälle von Gewalt gegen Männer registriert. Hinzu komme eine Dunkelziffer. Trotz der Präsenz des Themas haben sich in Deutschland bisher lediglich eine Handvoll Studenten den männlichen Opfern angenommen und sie ins Zentrum einer Master- oder Bachelorarbeit gestellt.

Informationen über die Vereinsarbeit gibt es auf der Facebook-Seite "Weissenberg e. V. - Männernetzwerk/Vogtland" oder auf der Website der Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen: www.gib-dich-nicht-geschlagen.de

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