Was hatte Böhme mit Marzoll am Hut?

Ein jetzt via Zufall wiederentdecktes Werk des einst deutschlandweit bekannten Reichenbacher Komponisten gibt Rätsel auf. Die Spur der "Marzoller Messe" führt nach Bayern. Doch auch dort wurde Böhme-Forscher Wolfgang Horlbeck nicht fündig.

Reichenbach.

Walther Böhme hat 120 Werke geschaffen, die im In- und Ausland aufgeführt wurden. Vor allem seine Oratorien machten den Kantor der Peter-Paul-Kirche und Reichenbach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutschlandweit bekannt. So wurde eine Aufführung des Stücks "Die Jünger" am 6. November 1930 als erstes Werk aus Reichenbach überhaupt im Rundfunk übertragen. "Böhmes Schaffen ist mehr als beachtlich und auch dank seiner Enkelin Heidemarie Suhr gut dokumentiert", sagt Wolfgang Horlbeck und berichtet über ein via Zufall wiederentdecktes Böhme-Werk - das Rätsel aufgibt.

Was den zum kompositorischen Werdegang Böhmes forschenden Leiter des Reichenbacher Frauenchors umtreibt, ist die "Marzoller Messe". Wiederentdeckt jüngst in den Akten der Zwickauer Katharinenkirche. Dort war Michael Pauser von der Vogtland Philharmonie bei Recherchen zum Werk von Böhmes Zwickauer Kantoren-Kollegen Paul Kröhne ein Programm-Zettel in die Hände geraten. Handschriftlich ist darauf die Uraufführung jener Messe für den 22. November 1950 "in Gegenwart des Komponisten" angekündigt. Dieser Zettel hat Wolfgang Horlbeck fast umgehauen. "Denn in Böhmes Werkverzeichnis ist ein Werk mit diesem Titel nicht bekannt. Wir wissen auch nicht, wann Böhme die Messe geschrieben hat noch was er mit dem Ort Marzoll überhaupt am Hut hatte."


Allerdings, berichtet der Frauenchor-Leiter über einen Fund wenig später in Unterlagen von Böhme-Enkelin Heidemarie Suhr, taucht die im Werkverzeichnis als Opus 98 angegebene "Messe in F-Dur" auf Notenstimmen als "Marzoller Messe op. 98 für Einzelstimmen (Sopran, Männerstimme) und Orgel" auf. "Sie kann auch in der Besetzung mit Streichern, Hörnern, Pauken und Orgel begleitet werden", sagt Wolfgang Horlbeck. Mehr wusste die Enkelin nicht. "Sie berichtete nur, dass am Kaffeetisch des Großvaters mehrmals das Wort Marzoll fiel." In den "Lebenserinnerungen" des Meisters aber findet sich dazu kein Wort.

Und selbst in der Sächsischen Landesbibliothek, die praktisch über den gesamten, als Schenkung übereigneten Nachlass Böhmes und damit über die handschriftlichen Komplettnoten der F-Dur-Messe verfügt, fand der Chorleiter nichts, was über die Musik hinausgeht. Auch in den im fraglichen Zeitraum erschienenen und jetzt akribisch durchforsteten Zeitungen steht kein Wort zu Walther Böhme und der "Marzoll"-Uraufführung.

Und Marzoll selbst? "Nichts", sagt Wolfgang Horlbeck und berichtet über Telefonate und E-Mail-Verkehr mit kirchen- und stadtgeschichtlich beleckten Akteuren des Ortsteils von Bad Reichenhall. Im Berchtesgadener Land wusste überhaupt niemand etwas über Böhme und dessen Messe. "Auch meine Aussage, dass es eine Messe zu ihrem Ort gibt, hat keinen vom Hocker gehaun." So bleiben nur Mutmaßungen. "Vielleicht hat Walther Böhme dort in jungen Jahren eine später unerwähnt gebliebene Kur gemacht", sagt Wolfgang Horlbeck.

Wenn dem so war oder Böhme aus einem anderen Anlass mit Marzoll in Berührung kam, könnte ihn die Geschichte der Marzoller Pfarrkirche St. Valentin inspiriert haben. Das Gotteshaus war nämlich seit der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert Ziel der Wallfahrt zum Heiligen Valentin, der bei Krankheiten um Hilfe angerufen wurde. Aber auch die Entstehungszeit von "Marzoll" bleibt ein Rätsel. Vielleicht, das legen die Einordnung als Opus 98 und die Tatsache der Uraufführung 1950 nahe, hatte Böhme in den Jahren nach seiner Pensionierung als Kantor 1948 bis zu seinem Tod im Juli 1952 nicht nur die beliebten Kinderopern "Kolumbus", "Die Schildbürger" und "Das Spiel von der schönen, jungen Lilofee" geschaffen.

Wolfgang Horlbeck: "Nach Lage der Dinge werden wir wohl nicht erfahren, was es mit dieser Messe auf sich hat. Aber vielleicht gibt es ja noch Böhme-Fans, die mehr wissen."

Hinweise zu Walther Böhme und dessen "Marzoller Messe" nimmt Wolfgang Horlbeck telefonisch entgegen: 03765 13107.

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