Wie der Moosmann in die Flasche kam

Seit 100 Jahren stellt die Firma Emil Reiher in Lengenfeld Spirituosen her. Ein Tag der offenen Tür bietet am Samstag Einblicke ins Damals und Heute.

Lengenfeld.

Das Unternehmen Emil Reiher Spirituosen im Lengenfelder Ortsteil Grün feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass lädt der Familienbetrieb am Samstag, 14. September, in der Zeit von 11 bis 16 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. "Zu jeder vollen Stunde bieten wir Führungen an, natürlich mit einer kleinen Verkostung", sagt Inhaberin Elke Bretschneider. Die 70-jährige gelernte Textil-Ingenieurin und Enkelin des Firmengründers hält, unterstützt durch ihre Tochter Jana Grenzendörfer, die Tradition am Leben.

Emil Reiher hatte 1919 in der Polenzstraße 38 seinen Wein- und Lebensmittelhandel eröffnet. "Um den Kunden etwas Besonderes bieten zu können, ließ er sich in die Geheimnisse der Destillation von Spirituosen einweihen", berichtet die Enkelin. Emils Sohn Horst Reiher absolvierte die Destillationsfachschule in Altenburg, baute das neue Haus in der Polenzstraße 61a und übernahm 1948 den Familienbetrieb.


"Mein Vater stellte ein breites Sortiment an Spirituosen her", sagt Elke Bretschneider und zeigt ein Foto von Anfang der 50er-Jahre, das ihre Mutter vor einer Pyramide mit Likören und Bränden bei einer Präsentation im Lengenfelder Bahnhof zeigt. Ein Aufsteller mit alten Etiketten verdeutlicht die Palette. Darunter vieles, das es heute nicht mehr im Sortiment gibt: Mokkina, Kakao-Likör, Kakao-Nuss, Aquavit, Allasch, Apricot-Brandy, Kirsch, Zitrone, Birne, Pfefferminz, Schwarze Johannisbeere, Kroatzbeere, Doppel-Wacholder oder Gold-Orangen-Likör.

In der 1960er-Jahren kam die Herstellung von akzisefreiem Trinkbranntwein für Bergarbeiter dazu, im Volksmund Wismut-Fusel genannt. Die staatliche Kontingentierung bremste die kleinen Betriebe aus. Dennoch wuchs die Produktion bei Emil Reiher in Lengenfeld. Wurden 1964 noch 304 Hektoliter Trinkbranntwein und 100 Hektoliter sogenannter Privatschnaps produziert, war es 1988 rund das Sechsfache: 1680 Hektoliter Trinkbranntwein und 660 Hektoliter Privatschnaps. Bis zu 19.500 Flaschen im Monat. Neben den Familienmitgliedern gab es maximal zwei Angestellte. Der Privatschnaps ging an die Großhandelsgesellschaften in Reichenbach und Auerbach sowie ausgewählte Kommissionshändler. Der Bergarbeiterschnaps wurde zum Beispiel nach Gera, Ronneburg, Zwickau und Oelsnitz/Erzgebirge geliefert. Als Lengenfelder Grubenbrand zählt er noch heute zum Sortiment.

Auch ein anderer Dauerbrenner hat die Wende überstanden: Der Kräuterlikör aus DDR-Zeiten wurde nach 1990 zum Original Moosmann. Die vogtländische Sagengestalt stand Pate. Er vereint 21 streng geheime Bestandteile. "Mit 60 Prozent Anteil ist er heute unser Hauptprodukt", erklärt Elke Bretschneider. Zum Hundertjährigen gibt es eine Sonderedition. Moos-Fee, Grünbitter, Goldgelber, Zweitakter, Kümmel, Weißer und der Punsch "Heißer Reiher" komplettieren das Sortiment. Vieles ist bis heute Handarbeit, bis hin zum Verschließen und Etikettieren der Flaschen.

Heute werden nur noch rund 65 Hektoliter pro Jahr hergestellt, 2,8 Prozent im Vergleich zur Hoch-Zeit. Reiher-Spirituosen gibt es in ausgewählten Getränkemärkten, Drogerien und Gaststätten im Vogtland sowie im Raum Zwickau. Online-Bestellungen werden an Kunden in ganz Deutschland verschickt. Es gibt Sondereditionen - etwa den Elsteraner Moosmann, den Mühlentropfen für die Klopfermühle und den Kräuterlikör für die Vogtlandarena. Jüngste Editionen sind der Museumstropfen für das Stadtmuseum Lengenfeld und das Löschwasser für das Feuerwehrmuseum.

Fürs Jubiläum sind die Firmenräume renoviert worden. Beim Rundgang kann man vieles entdecken und erleben: Alte Druckstöcke für Etiketten, Körbe mit Glasballons, ein Schauregal mit Blüten, Schalen, Kräutern und Wurzeln für Essenzen, das antike Kontor, eine ganze Batterie von Tongefäßen und natürlich die Spirituosenherstellung. Schautafeln illustrieren die Firmengeschichte. Der liebevoll ausgestaltete Partyraum im Keller lädt zur Verkostung ein. www.emil-reiher.de

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