Zwei Schwestern, eine Angst

Nach ihrer Flucht aus dem Iran fand Sarah in Reichenbach eine neue Heimat. Der Asylantrag ihrer Schwester Esther wurde abgelehnt. Scheitert die Klage dagegen, muss sie zurück. Was dann droht, weiß Sarah. Als bekennende Christin wurde sie mit Elektroschockern gefoltert und entkam dem Tod am Galgen nur knapp.

Reichenbach.

Esther ist 20 Jahre jung, ihre Schwester Sarah ist zehn Jahre älter, hat schon einen elfjährigen Sohn. Die beiden im Vorjahr aus dem Iran geflüchteten Frauen erzählen ihre Geschichte. Während Sarah spricht, zeichnet Esther auf Zetteln ohne Unterlass geometrische Figuren, Kreuze und Ziegelmauern. Das macht sie nicht, weil sie kaum Deutsch spricht, erklärt Sarah. Wenn die Schwester nicht zeichnet, bearbeitet sie in Chemnitz einen Boxsack, bis sie nicht mehr kann. "Das hilft gegen ihre Unruhe", sagt Sarah. Und Beten hilft. Die Schwestern, die ihre wirklichen Namen nicht nennen wollen, beten oft. Besonders jetzt, da Esther die Abschiebung in den Iran droht.

Was das bedeuten würde, damit hat sich Heinke Schenker von der Reichenbacher CVJM-Fabrik als Anlaufstelle für Flüchtlinge lange beschäftigt. "Das wäre ihr Tod. Man würde sie am Flughafen zur Seite nehmen", erzählt das Vorstandsmitglied des gleichnamigen Vereins und schüttelt den Kopf. Das Schicksal der Schwestern geht ihm nahe. Sind doch die Schwestern aus dem selben Grund geflohen - weil sie zum Christentum konvertiert sind und darauf im Iran die Todesstrafe steht. "Aber die eine soll bleiben dürfen, während die andere abgeschoben wird? Das halte ich nicht aus."

Die Ablehnung des Asylantrags von Esther bedeutet eine Zerreißprobe auch für den christlichen Glauben der Schwestern. Viele haben sie bereits über sich ergehen lassen müssen. Unter Folter im Gefängnis und auf der Flucht. "Gott stand uns immer bei. Und Gott wird wieder dafür sorgen, dass alles gut ausgeht", sagt Sarah und erzählt von ihrer ersten Begegnung mit Gott - vor elf Jahren in ihrer Heimatstadt.

Damals rang ihr schwer erkrankter Sohn in einem Krankenhaus der Millionenstadt Esfahan mit dem Leben: Am Abend vor der vielleicht entscheidenden OP sprach eine Patientin der Mutter Trost zu und kündigte an, für den Jungen beten zu wollen. "Ich sagte ihr, wenn mein Kind gesund wird, werde ich Christin. Am nächsten Morgen wurde mein Sohn noch einmal untersucht. Dann kamen die Ärzte zu mir und sprachen von einem Wunder." Alle Werte waren in Ordnung, auch von den Folgen einer Hirnblutung war nichts mehr zu sehen. "Leider konnte ich mich nicht bei der Frau bedanken. Sie war schon weg, aber ihr Glaube ist bei mir geblieben."

Sarah besorgte sich nun alles, was sich zum Christentum auftrieben ließ. Später betrieb sie über Jahre in ihrer Wohnung eine Hauskirche für Iraner, die sich wie ihre Schwester ebenfalls dem Christentum zugewandt hatten. Sarah verteilte Bibeln und unterwies sie im Glauben. Im Vorjahr flog die Gemeinschaft auf. Die 20 Teilnehmer des Kreises wurden verhaftet. Sarah wurde verhört und gefoltert. "Ich sollte dem Christentum abschwören." Doch die Gefangene hielt daran fest. Auch als man sie an den Füßen aufhängte und mit Elektroschockern gequält. Nach zwei Monaten hielt sie ihr Todesurteil wegen Abfalls vom Glauben in den Händen. "Ich sollte gehängt werden", erzählt Sarah. "So wie eine Frau aus meinem Bibelkurs. Sie wurde vor drei Monaten hingerichtet."

Diese Frau stammte aus eher ärmlichen Verhältnissen, während die Familie der Schwestern begütert ist. Das rettete Sarah und wohl auch Esther das Leben. Der Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, erkaufte über Schmiergeldzahlungen einen kurzen Hafturlaub für seine Töchter: Esther war ebenfalls inhaftiert worden - nach einer Party wegen des unerlaubten Genusses von Alkohol. Im Gefängnis hatte die Polizei zudem ihr am Haaransatz des Halses tätowiertes Kreuz entdeckt. "Das war das zweite Wunder in meinem Leben, dass wir beide fliehen konnten", erzählt Sarah über die vom Vater über Nacht organisierte Flucht seiner Töchter in die Türkei.In Fußmärschen und mit dem Auto kamen die Schwestern auf getrennten Wegen an den Bosporus. Dort bestiegen sie mit weiteren Flüchtlingen Laster. Allein für Sarah und den Enkel bezahlte der Vater 15.000 Euro an die Schlepper. Die Schwestern fuhren getrennt und eingewickelt in Alu-Folien, um für Wärmebild-Kameras unsichtbar zu sein. Nach drei schlimmen Tagen stiegen Sarah und ihr Sohn in Essen aus. Von dort ging's in die Chemnitzer Erstaufnahme. In der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erhielt sie sofort eine Aufenthaltserlaubnis. Seit einem Jahr wohnt sie mit ihrem Sohn in einer Wohnung in Reichenbach. Die Mutter besucht einen Integrationskurs der Volkshochschule und träumt von einer Ausbildung zur Krankenschwester. Der Sohn lernt in einer Schule der Region. In der CVJM-Fabrik fanden beide so etwas wie eine neue Heimat.

Die Schwester hatte kein Glück, in Kroatien wurden die Flüchtlinge entdeckt. Nach zwei Monaten Haft folgten gewaltige Fußmärsche bei eisigen Temperaturen. Esther schloss sich Gruppen an, die nach Österreich wollten und immer wieder von Ungarn oder Kroaten über die serbische Grenze zurückgeprügelt wurden. Bei den Schilderungen von Gewalt und Erniedrigung sitzt auch Heinke Schenker nicht still. "Oft glaubt man kaum, was man im Fernsehen darüber sieht. Aber die Realität ist schlimmer." Einmal entging Esther einer Festnahme, weil sie mucksmäuschenstill in einem Wasserloch ausharrte. Dann bewahrte sie ein Iraner vor dem Schlimmsten, als ihr Afghanen zu nahe kamen. Über Bosnien gelang schließlich die Flucht.

Seit ihrer Ankunft im Juni sitzt Esther mit einer sogenannten Aufenthaltsgestattung in der Chemnitzer Erstaufnahme. Gegen ihren abgelehnten Asylantrag wurde Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Über den Grund der Ablehnung können die Schwestern nur mutmaßen. "Sie hatte beim entscheidenden Gespräch einen schlechten Tag", erzählt Sarah. "Weil der Dolmetscher Afghane war, da kam der Übergriff in Kroatien wieder hoch." Ist der Dolmetscher vor Gericht wieder Afghane, fällt es Esther wieder schwer, ihren Wechsel zum christlichen Glauben glaubhaft darstellen zu können.

Und darum geht es im Kern bei den Befragungen durch einen "Entscheider", wie das Bundesamt auf Anfrage mitteilt. Er beurteilt, "ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung" erfolgt ist - ohne "dass die Befragung auf ein reines Glaubensexamen" hinauslaufen dürfe. Entscheidend sei zudem, ob der Antragsteller glaubhaft darstellt, "seine Konversionsreligion bei Rückkehr in sein Heimatland auszuüben und ihm deswegen dort eine asylrelevante Verfolgung droht" - zur Beurteilung dieser Gefahr stünden den Entscheidern aktuelle Informationen zum Herkunftsland zur Verfügung.

Dies bezweifelt die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte. Zwar sei es nach Kenntnis des Auswärtigen Amtes seit 20 Jahren zu keiner Hinrichtung wegen des Abfalls vom Islam gekommen. "Doch häufig werden die Haft- und Hinrichtungsgründe von der iranischen Justiz verschleiert und Konvertiten anderer Straftaten beschuldigt - etwa ,Vergehen gegen die nationale Sicherheit' oder ,Verderbenstiften auf Erden'", sagt Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Bundesamt und deutsche Gerichte ignorierten jedoch die Bedrohungslage und würden "zum Teil durch Unwissen erschrecken". Lessenthin spricht im Hinblick auf die aktuelle Abschiebepraxis von einem aggressiven Kurs und fordert "die sofortige Aussetzung von Abschiebungen christlicher Konvertiten in den Iran". Im Regelfall werde den Geflüchteten unterstellt, sie täuschten einen Glaubenswechsel vor. Zudem hätten sie keinerlei Verfolgung zu befürchten.

Die Familie der Frau aus dem Bibelkurs sieht das anders. Sarah und Esther wissen über ihre Kontakte in den Iran, in welche Kategorie deren Hinrichtung vor drei Monaten einzuordnen ist - in keine offizielle und keine der verschleierten. Der Familie wurde mitgeteilt, die Frau sei an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben. Als sie die Nachricht von der Hinrichtung ihrer Glaubensschwester erreichte, hatte Sarah einen Nervenzusammenbruch.

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