Ärger am Stausee Oberwald: Drehkreuz sperrt Gäste aus

Die Inbetriebnahme des neuen Schließsystems am Hintereingang des Stausees Oberwald erregt seit Wochen den Zorn der Stammgäste. Fast täglich streikt die Technik. Mitunter spielen sich dramatische Szenen ab.

Reichenbach.

Ein Besucher am Stausee Oberwald steckt am Hintereingang sein Ticket in den Automaten fürs das Entsperren des Drehkreuzes am Einlass. Doch gerade will jemand das Kreuz in der Gegenrichtung passieren und das Gelände verlassen. Der Druck führt dazu, dass das System blockiert - für ganze 30 Minuten. Draußen bildet sich eine Menschentraube. Die Leute beginnen, das Tor zu übersteigen, reichen schimpfend Taschen, Klappstühle und Liegen über den Zaun. Servicepersonal? Fehlanzeige. Solche Szenen wiederholten sich in der Hitzeperiode der vergangenen Wochen fast täglich.

Radfahrer, Leute mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer kommen seit der Inbetriebnahme des neuen Einlasssystems nicht mehr durch. Sie werden per Hinweisschild zum Haupteingang gebeten. "Man kann doch eine Frau mit Kinderwagen oder einen Rollstuhlfahrer nicht dreieinhalb Kilometer an der B 180 entlangschicken, um den Haupteingang zu erreichen", wettert Stammgast Jürgen Vogel. Es gibt Fotos im Internet, da wird ein Rollstuhlfahrer über den Zaun gehoben, nach ihm der Rollstuhl. Ebenso Fahrräder. Wer nicht sportlich genug ist, bleibt draußen. "Das sind doch keine Zustände", sagt Vogel. Er hat eine Initiative ins Leben gerufen und einen offenen Brief mit mehr als 100 Unterschriften an die Aufsichtsratsvorsitzende der Stausee Oberwald GmbH, die CDU-Landtagsabgeordnete Ines Springer, geschickt.


Auch die Gemeinde Callenberg wirbt mit dem Stausee für den Tourismus. Im Rathaus in Falken mehren sich längst die massiven Beschweren. Dort hat es auf Vogels Initiative hin in dieser Woche ein Treffen unter anderem mit Bürgermeister Daniel Röthig (CDU), Ines Springer und Stausee-Chefin Ina Klemm gegeben. Letztere muss sich seit Inbetriebnahme des neuen Systems in den sozialen Medien einiges anhören. Dort lassen Besucher ihrem Zorn freien Lauf. "Selbst meine Mitarbeiter werden von Gästen beschimpft", sagt Klemm.

Die Stausee-Chefin begründet die neue Anlage vor allem mit betriebswirtschaftlichen Zwängen: "Ich muss am Jahresende eine schwarze Null schreiben." Allerdings räumt sie Technikmängel ein. Die Anlage sollte eigentlich im März installiert und die Kinderkrankheiten zum Saisonbeginn ausgemerzt sein. Doch die Technik kam erst im April - und versagte auf der ganzen Linie. Bei 35 Grad im Schatten erlitt die Elektronik regelmäßig einen Blackout. Draußen wie drinnen bildeten sich Menschentrauben. Seitdem versucht Ina Klemm mit der Herstellerfirma, die Kinderkrankheiten der Technik in den Griff zu bekommen.

"Das ganze System ist nicht durchdacht", ist Jürgen Vogel überzeugt. Dem kann Ortsvorsteher Günter Vogel nur beipflichten. "Setzen Sie dort einfach jemanden hin, der kassiert. Das ist die einfachste Lösung." Und Gemeindechef Röthig pflichtet dem bei: "Zumindest übergangsweise, bis die Technik funktioniert", ergänzt er. Ina Klemm versichert, sie habe erfolglos versucht, einen Kassierer zu finden.

Beklagt werden auch die Öffnungszeiten von 9 bis 20 Uhr. Frühschwimmer haben keine Chance. Und nach 20 Uhr kommen nur Inhaber von Dauer- und Tageskarten aufs Gelände. Ina Klemm will damit verhindern, dass Jugendgruppen nachts ihr Unwesen treiben. "Da sind schon Abfallkübel ins Wasser gerollt worden. Unsere Mitarbeiter mussten Scherben von Flaschen wegräumen. Wer soll das früh machen?" fragt sie. In der Nacht zum Montag war zum Beispiel die Kamera am Hintereingang beschädigt worden. Sie dient laut Ina Klemm nicht zur Überwachung, sondern zur Kontaktaufnahme mit dem Haupteingang.Für Rollstuhlfahrer soll künftig von dort aus das Tor elektrisch geöffnet werden können.

Jürgen Vogel meint dennoch, das Konzept muss neu durchdacht werden. Und er hat Sicherheitsbedenken. "Wie sollen bei einem überraschenden Gewitter oder Gefahrensituationen Hunderte Besucher durch dieses Nadelöhr geschleust werden?" fragt er und sieht den Landkreis als Träger in der Pflicht. Er kritisiert außerdem, dass Leute, die das Naherholungsgebiet nur mal mit Enkeln zum Besuch des Spielplatzes oder der Gaststätte betreten wollen, 4 Euro Eintritt bezahlen müssen. Ina Klemm nimmt diese Anregung zumindest mit. "Wir können über eine Abtrennung des Geländes und auch über einen Früh- und Spättarif nachdenken", räumt sie ein.

Jürgen Vogel blickt auch zurück. "Für den Erzabbau wurden Leute enteignet", sagt er. Den Stausee als Naherholungsgebiet empfanden sie als kleine Entschädigung. Seit die Gemeinde nicht mehr Trägerin ist, sondern der Landkreis mit einer GmbH, haben die Reichenbacher aber das Gefühl, dass ihnen der Stausee Stück für Stück weggenommen wurde. Erst kam der Zaun, dann das Drehkreuz, nun die Automatik. Sie fragen sich: Geht es denn nur noch ums Geld? Bei allem Ärger, Ina Klemm bleibt hart: "Ich halte am neuen Schließsystem fest."

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