"Das Herz in die Hose gerutscht"

Der Zwickauer Bundestagsabgeordnete Michael Luther (CDU) über seine Begegnungen mit Helmut Kohl

Zwickau.

36 Zwickauer haben sich am Donnerstag in das Kondolenzbuch für Helmut Kohl eingetragen. Für Michael Luther war das selbstverständlich. Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete hat den Kanzler der deutschen Einheit wohl so oft in natura erlebt wie kein anderer Zwickauer. Gert Friedrich hat mit ihm darüber gesprochen.

Freie Presse: Herr Luther, können Sie sich noch erinnern, wann Sie Helmut Kohl das erste Mal persönlich begegnet sind?

Michael Luther: Ja, sicher. Das war bei einem Auftritt vor der Volkskammerwahl in Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Wir sind damals im Übrigen als Allianz für Deutschland angetreten - CDU, DSU und Demokratischer Aufbruch. Jedenfalls waren die Kandidaten hier aus der Region eingeladen, und da hat er mir zum ersten Mal die Hand gegeben. Seine stattliche Figur war schon beeindruckend.

Ich nehme an, ab der Zeit im Bundestag hat es für einen CDU-Abgeordneten zum Alltag gehört, ab und an den Kanzler zu treffen. Etwa bei Fraktionssitzungen.

Da war Helmut Kohl meistens dabei. Aber es gab noch andere Runden. Zum Beispiel wurden regelmäßig Funktionsträger der CDU/CSU-Bundestagsfraktion aus den neuen Bundesländern ins Kanzleramt eingeladen, um über die Gestaltung der deutschen Einheit zu sprechen. Dafür lag kein fertiges Rezept bereit. Ein Thema war das Rentenüberleitungsgesetz, ein anderes waren die Verkehrsprojekte - um beispielsweise die Autobahnen schneller auszubauen, musste das Planungsrecht verändert werden. Die Gestaltung der deutschen Einheit war für Helmut Kohl Chefsache.

Dass Sie einmal bei Helmut Kohl in Oggersheim waren, ist bisher nicht bekannt. Wie nah kamen Sie an ihn heran?

In Oggersheim war ich nicht. Relativ nah dran war ich unter anderem bei einer Reise von Bonn nach Chemnitz zu einer Gesprächsrunde. Das war in einer Sitzungswoche, deshalb wurde geflogen: mit dem Hubschrauber zum Flughafen Köln-Bonn, mit dem Flugzeug nach Dresden und wieder mit dem Hubschrauber nach Chemnitz. Wir sind dabei über die Städte von Sachsen geflogen, haben Defizite und Fortschritte gesehen und darüber gesprochen. Und Helmut Kohl hat ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Er hat von seiner Rede erzählt, die er im Dezember 1989 auf dem Dresdner Altmarkt gehalten hat. Helmut Kohl wusste, dass sehr viele Menschen zuhören werden und dass diese Rede im In- und Ausland wahrgenommen wird. Er hat überlegt, was er in diesem Moment sagt, und dann seinen politischen Plan zu Hause mit der Schreibmaschine seiner Frau getippt. In den USA wurde wegen dieser Rede der Kongress unterbrochen. Georg W. Bush hat sich das angeschaut und Kohl sinngemäß gesagt: Okay, so wird's gemacht. Damit hatte er schon einen wichtigen Fürsprecher für die deutsche Einheit. Dann hat er Gorbatschow überzeugt und auch den Franzosen und Briten die Angst genommen. Und das ist alles in einem sehr engen Zeitfenster gelungen - keiner weiß, ob es diese Chance ein zweites Mal gegeben hätte.

Wie war Helmut Kohl in solchen Situationen jenseits des Protokolls und des Rummels? Immer noch distanziert, weit weg oder eher nahbar?

Ich denke manchmal, ich hatte vielleicht zu viel Respekt. Vielleicht hätte Helmut Kohl ein freundschaftliches Verhältnis zugelassen. Ich sehe noch die ersten Fraktionssitzungen mit den großen Politikern, die wir aus den Medien kannten. Man konnte sie zwar nicht so gut erkennen, weil damals Rauchen noch erlaubt war. Aber sie waren alle da: Kohl, Schäuble, Blüm. Mir ist das Herz vor Respekt fast in die Hose gerutscht. Das hat zwar im Laufe der Zeit etwas nachgelassen, war aber zumindest bei Helmut Kohl nie ganz weg.

Andererseits haben Sie im Zusammenhang mit CDU-Parteispendenaffäre seinen Rücktritt verlangt! Haben Sie dafür von Helmut Kohl die Quittung bekommen? Gab es eine persönliche Reaktion?

Wir hatten die Wahl verloren. Ich war damals stellvertretender Fraktionsvorsitzender und habe in einem Interview für die "Super-Illu" gesagt, dass es aus meiner Sicht besser gewesen wäre, wenn Helmut Kohl nach der verlorenen Wahl sein Bundestagsmandat nicht angenommen hätte. So hätte ihm schon damals uneingeschränkt die Rolle anerkannt werden können, die ihm geschichtlich zusteht. Meine Anmerkung ist dann in eine Rücktrittsforderung umgemünzt worden. Ich habe mit ihm später in einem Gespräch das Thema geklärt und um Entschuldigung gebeten. Helmut Kohl sagte, dass ihn das tatsächlich tief getroffen habe, meinte aber auch: Schwamm drüber!

Wann haben Sie Helmut Kohl das letzte Mal gesehen?

Die Fraktion hat ihn ja in regelmäßigen Abständen eingeladen, auch als er schon krank war. Ich weiß es nicht mehr genau, wann es das letzte Mal war, als ich ihn gesehen habe. Auf jeden Fall war er da schon von seiner Krankheit gezeichnet.

Sie haben sicher einige Nachrufe gelesen oder im Fernsehen angeschaut. Entsprach das Ihrer Sicht?

Ja, das Wesentliche sind seine Verdienste für die deutsche Einheit und die Europäische Union. Ich kann nur sagen: Es würde uns in Europa ohne die EU deutlich schlechter gehen - bei aller Kritik und bei allen Unwägbarkeiten in der großen Gemeinschaft lohnt es sich, für ihre Vorteile zu streiten, und dieses Vermächtnis sollten wir weitertragen. Das ist richtig dargestellt worden.

Wenn Sie "Helmut Kohl" hören, welches Bild kommt Ihnen da zuerst in den Sinn?

Jetzt spontan fällt mir der Flug nach Chicago ein. Helmut Kohl ist 1994 mit der Regierungsmaschine zur Fußball-WM geflogen und hat einige Journalisten und Bundestagsabgeordnete mitgenommen. Es saß da in einer Strickjacke mit uns in einer kleinen Runde und hat mit uns über Gott und die Welt geplaudert.

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