Drei Wochen in gesunder Umgebung

Der Tschernobyl-Hilfsverein hat für Kinder aus Weißrussland erneut eine Auszeit organisiert. Für die Vorsitzende gibt es keine schönere Aufgabe.

Meerane.

Kiril freut sich schon auf die nächste Aktion, die Ute Höfler und ihre Mitstreiter organisiert haben. Diesmal erkundet der Neunjährige mit den anderen drei Jungs und fünf Mädchen aus der Region Buda-Koschelewo die Meeraner Unterwelt. Ein Erlebnis. Denn unter dem Altstadtkern befinden sich zahlreiche Gänge und Hohlräume, die nicht bergbaulichen Ursprungs sind. "Die Kinder aus Weißrussland sollen sich in einer gesunden Umgebung erholen", betont Höfler, die als Vorsitzende des Tschernobyl-Hilfsvereins das dreiwöchige Ferienprogramm zusammenstellte. Zwar sind seit der größten atomaren Katastrophe 30 Jahre vergangen. Die Leute kämpfen aber Höfler zufolge noch immer mit den Folgen. Über 70 Prozent der radioaktiven Wolke ging damals nach Belarus.

Erneut sind die Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren bei Gasteltern untergekommen. "Nach unserem Aufruf haben wir komplett neue Eltern gefunden", so die Vereinschefin, die sich mehr Mitglieder wünscht. Derzeit zählt der Verein etwa 15 Frauen und Männer. Denn allein so einen Aufenthalt für die Kinder auf die Beine zu stellen, sei mit großem organisatorischen Aufwand verbunden. "Da wird jede Hand gebraucht", verdeutlicht die 66-Jährige, die eines zudem betont: "Ohne die vielen privaten Geldgeber wären die jährlichen Ferienaktionen gar nicht möglich." Heute treten die Kinder die Heimreise an.

Dass die Kinder weiterhin nach Deutschland geholt werden müssen, daran hat die Seniorin keinen Zweifel. "Gerade in den Dörfern leben die Leute von Dingen, die sie selbst angebaut haben. Und das leider immer noch auf verstrahlten Böden", bedauert die Vereinschefin, die selbst schon oft die Region Buda-Koschelewo besucht hat. Dann trifft sie nicht selten auf Erwachsene, die als Kinder an einer solchen Aktion teilgenommen haben. Denn neben den Auszeiten für die Kinder stellt der Verein noch Hilfstransporte für ein Kinderheim mit Sozialwaisen zusammen. "Und das schon seit 15 Jahren", so die Meeranerin. Auch eine Tagesstätte für invalide Kinder kann sich schon seit Jahren der Hilfe der Westsachsen gewiss sein. "Wir versorgen alles, was für den Alltag im Heim so notwendig ist."

Die Vorsitzende weiß eines ebenso gut: Obwohl sich die Kindergruppe in Deutschland wohlfühlt, würde die Mädchen und Jungen dennoch ein Gefühl von Heimweh beschleichen. "Das spüren die Betreuer natürlich", sagt Höfler, die längst noch nicht ans Aufhören denkt. Deshalb mag sie auch nicht die Frage, wie lange sie noch an der Spitze des Westsächsischen Hilfsvereins stehen will? Darauf kann und will sie gegenwärtig nicht antworten. "Helfen ist eine der schönsten Dinge im Leben", erwidert sie. Ihr Verein organisiert diese Auszeiten für die Kinder aus den verstrahlten Gebieten seit 20 Jahren. Ebenso lange würde die dortige Regierung die Gefahren der Strahlung herunterspielen.


Kommentar: Die stillen Helden

Es sind Menschen wie Ute Höfler, die nicht nur reden, sondern anpacken und helfen. Dort, wo nicht selten die Politik versagt, in welchem Land auch immer, greift ehrenamtliches Engagement. Dass hierfür eine gewaltige Portion Enthusiasmus gebraucht wird, versteht sich fast von selbst. Daher kann mit Fug und Recht von den stillen Helden gesprochen werden, die anderen, wirklich hilfsbedürftigen Menschen Momente des Glücks schenken. Was gibt es Schöneres? Das fragen auch die 15 Mitstreiter des Hilfsvereins, die seit zwei Jahrzehnten um Linderung von Leid bemüht sind. Und dennoch sollten sie allmählich aus der Stille hervortreten, getreu dem von den PR-Leute favorisierten Motto "Tue Gutes und rede darüber" ihre nächsten Aktionen planen. Nur ein Weg, um weitere Mitstreiter zu finden.

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