Klein, unscheinbar - und sehr alt

Kreisgeschichte(n): Woher Westsachsens Städte und Dörfer ihre Namen haben. Teil 50: Kertzsch.

Kertzsch.

Mit dem Auto ist man auf dem Weg zwischen Waldenburg und Glauchau schnell durch Kertzsch gefahren. Der kleine Ortsteil mit seinen etwa 100 Einwohnern entlang der B 175 gehört zur Gemeinde Remse. Doch so leicht man den Ort auf der Landkarte oder der Durchfahrt übersieht - Kertzsch ist das älteste Dorf in der Region. Es entstand bereits vor der Gründung des Remser Klosters "Roter Stock".

Bereits 1144 wurde der Ort in einer Stiftungsurkunde von Kaiser Conrad erwähnt. "Dort steht der Name campus kirts", sagt Richard Nagel. Der Abiturient wohnt in Kertzsch und kennt sich gut mit der Ortshistorie aus. Vor zwei Jahren hat er eine umfangreiche Schularbeit über die Geschichte der Gemeinde geschrieben - und soll darüber im kommenden Jahr bei der 875-Jahr-Feier von Remse auch einen Vortrag halten. "Das lateinische Wort campus bedeutet Feld. Und 'kirts' aus dem Sorbischen heißt soviel wie Rodung", sagt Nagel und beruft sich dabei auf eine Chronik von Reinhard Nestler aus dem Jahr 1928. Bereits im 12. Jahrhundert haben sich also Sorben angesiedelt - und Felder angelegt. Später wird der Ort mehrfach in der Klostergeschichte erwähnt.

Es tauchten noch unterschiedliche Namen und Schreibweisen auf, darunter "Kertsch", "Kerzsch" oder "Kerts". Als das Haus Schönburg das Kloster und dessen Besitz im Jahr 1545 kaufte, gehörte auch Kertzsch dazu.

Der Ort verfügte über eine kleine, hölzerne Kapelle, in der es sogar zwei Altäre gab. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie allerdings niedergebrannt. Ein Wiederaufbau fand nie statt. "Wo genau die Kapelle stand, weiß man bis heute nicht", so Richard Nagel.

Eine eigene Gemeinde wurde Kertzsch 1702 - ein Status, den der Ort über 250 Jahre behalten sollte. Erst 1961 wurde Kertzsch zu Remse eingemeindet. In Sachen Infrastruktur gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwei wichtige Bauten: Zum einen wurde der Ort an das Elektrizitätsnetz in Glauchau angeschlossen. Zum zweiten wurde bereits ein Jahr zuvor eine neue Brücke über die Mulde gebaut. Auch diese steht inzwischen nicht mehr. "Man kann aber noch die Stelle erkennen, wo sie verlief", so Richard Nagel. Der Ort befindet sich unmittelbar hinter dem Haus in der Schmiedegasse, in dem er wohnt. "Hier war früher auch eine Schmiede", sagt er.

Der Gymnasiast will nach dem Abitur Geschichte studieren - den Einstiegsstoff dazu hat er vor der eigenen Haustür. "Beim Umgraben im Garten sind wir mal auf eine Schiefermauer gestoßen, etwa einen halben Meter unter der Oberfläche", sagt er und spekuliert, ob das mit der Kapelle zusammenhängen könnte, deren Standort unbekannt ist. "Aber direkt neben einer Schmiede, unwahrscheinlich", meint er. In dem kleinen Ort zwischen Remse und Waldenburg steckt jedenfalls mehr, als man bei einer schnellen Durchfahrt vermutet.

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