"Leerstand wird zunehmen"

Uwe Jakobeit, Geschäftsführer der Gartenfreunde, über Möglichkeiten, die Zahl der leeren Parzellen zu verringern

Glauchau.

Gärtnern ist in der hiesigen Region ein beliebtes Hobby. Trotzdem sind viele Kleingärten nicht verpachtet. Susanne Streicher hat sich mit Uwe Jakobeit, Geschäftsführer des Regionalverbandes Werdau/Glauchau der Gartenfreunde, über den wachsenden Leerstand in Kleingartenanlagen unterhalten.

Freie Presse: In größeren Städten werden Kleingärten immer beliebter. Dagegen stehen viele im ländlichen Raum leer. Wie sieht die derzeitige Lage im Regionalverband aus?

Uwe Jakobeit: Der Leerstand im ländlichen Raum ist in fast allen Verbänden ein Problem. Aktuell stehen bei uns etwa 1200 Parzellen leer. Waren es voriges Jahr 5936 verpachtete Parzellen, sind es dieses Jahr nur 5840. Der Leerstand erstreckt sich auf 141 Vereine zwischen Wolkenburg und Fraureuth. Allerdings: Die Situation kann man nicht über einen Kamm scheren. 31 Vereine melden keinen Leerstand. Dabei handelt es sich vor allem um kleinere Anlagen.

Was macht der Regionalverband derzeit mit den verwaisten Parzellen?

70 leerstehende Kleingärten nutzen wir als Tafelgärten. Das bedeutet, dass auf ungenutzten Kleingartenparzellen schnell wachsendes Gemüse angebaut und der Tafel kostenlos zur Verfügung gestellt wird. In diesem Jahr haben wir als Verband unseren Vereinen zertifiziertes Saatgut für Blühwiesen bereitgestellt. Damit wollen wir auf nachhaltige Weise die Artenvielfalt unterstützen. Außerdem arbeiten wir mit Imkern zusammen, die ihre Bienenstöcke auf ungenutzten Flächen platziert haben.

Wäre es eine Lösung, einen Rückbau herbeizuführen?

Ja. Ungenutzte Flächen könnten einer anderen Verwendung zugeführt werden. Doch dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Die bisherigen Fördermöglichkeiten reichen nicht aus. Bisher gibt es für solche Vorhaben keine Fördermittel seitens des Freistaates Sachsen, anders als zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Die Kosten für einen Abriss kann sich der Verband alleine einfach nicht leisten.

Was bedeutet ein hoher Leerstand für die Kleingartenvereine?

Die leerstehenden Gärten brauchen trotz allem Pflege. Dadurch verteilt sich immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern. Arbeitseinsätze werden immer schwieriger zu organisieren sein. In manchen Fällen kümmern sich Mitglieder schon um zwei oder drei Gärten. Das ist allerdings auch kein Allheilmittel. Neben dem erhöhten Pflegeaufwand haben die Vereine immer geringere Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und Pacht.

Wird es auch zukünftig einen Kleingartenschwund geben?

So wie es aussieht, wird der Leerstand weiter zunehmen. Ob sich diese Entwicklung noch einmal umkehren lässt, ist unklar. Das hängt vor allem mit der Altersstruktur zusammen. Der typische Kleingärtner ist um die 60 bis 70 Jahre alt. Jedes Jahr werden Gärten abgegeben, weil die Pächter altersbedingt die Flächen nicht mehr bewirtschaften können. Viele junge Leute haben in den 1990er-Jahren die Region verlassen. Uns fehlt der Nachwuchs. Es kommen viel zu wenige nach, die einen Garten übernehmen wollen. Aber dafür zeigen immer wieder Migranten ihr Interesse an einem Garten.

Was erschwert die Wiederbelebung von Parzellen noch?

Junge Leute sind nur schwer für einen Kleingarten zu begeistern. Wiederum haben andere, die sich für einen Garten interessieren, falsche Vorstellungen. Da gilt der Kleingarten mehr als reines Erholungsareal. Viele schätzen außerdem den Zeitaufwand falsch ein, den man für einen Garten aufbringen muss. Wir haben auch schon Pächter gehabt, die haben drei Grillpartys geschmissen und waren dann wieder weg. Schade finde ich auch, dass der Schulgartenunterricht kein Pflichtfach mehr ist. Kinder werden so gar nicht mit der Gartenarbeit vertraut gemacht.

Wie kann trotz allem bei jüngeren Leuten die Lust am Gärtnern geweckt werden?

Wir müssen den Erholungsfaktor und die Vorzüge von frischem und unbehandeltem Obst und Gemüse in den Vordergrund rücken. Im Garten zu arbeiten, bedeutet pure Entspannung. Man kann nach einem stressigen Tag einfach abschalten.

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5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    Einspruch
    24.09.2019

    Lockerung der Kleingärtnerischen Pflichten oder Anpassung an die heutige Zeit.
    Die Beiträge zu Pacht und Stadtverband steigen ohne wirklichen Mehrwert. Vieles wird durch Vorschriften abgewürgt, die nicht mehr in die heutige Zeit passen.
    Das hält junge Leute ab. Bei denen steht das Interesse am Gärtnern noch nicht so im Mittelpunkt, die suchen eher Räume, wo Sie mit ihren Kleinen mal in der Natur sein können. Oft kommen dann Leute in die Vereine, die sich oft gleich gar nicht um Vereinssatzung scheren und manchmal die Satzung auch gar nicht lesen können....

  • 3
    4
    Interessierte
    24.09.2019

    Ich dachte an die Hetze gegenüber der DDR und den Kleingärtnern , welche den Garten nur hatten , um den Staat mit fehlendem Gemüse zu unterstützen ...
    Und es gibt nicht nur Schulgärten , sondern Gartensparten haben schon Kindergärten einen Garten zum Anbau von Gemüse und Blumen überlassen ...

  • 4
    0
    saxon1965
    24.09.2019

    @Interessierte:
    "Heute - baut man das Gemüse zwecks Biogemüse an … Es wir immer ´alles` so ausgelegt , wie man es gerade braucht …"
    Tun sie gerade, denn es geht beim Schulgartenunterricht noch um viel mehr!
    Aber es stimmt, in manchen Grundschulen gibt es den Schulgarten wohl noch.

  • 0
    5
    Interessierte
    24.09.2019

    Doch , das habe ich schon gehört , dass das gemacht wird - Schulgarten …
    Aber vielleicht könnte man die Parzellen auch vergrößern und kleine Grundstücke draus machen ?


    Aber das ist schon interessant …
    Früher - hatte man das Gemüse zwecks Mangelwirtschaft angebaut ..
    Heute - baut man das Gemüse zwecks Biogemüse an …
    Es wir immer ´alles` so ausgelegt , wie man es gerade braucht …

  • 4
    2
    saxon1965
    24.09.2019

    "Schade finde ich auch, dass der Schulgartenunterricht kein Pflichtfach mehr ist. Kinder werden so gar nicht mit der Gartenarbeit vertraut gemacht."
    Nur ein Beispiel unserer verfehlten Bildungspolitik! Nicht nur, dass die Kinder oftmals gar nicht mehr wissen, wie eine komplette Mohrrübe ausschaut oder wie Kartoffeln heranwachsen, sie lernen auch nicht mehr, wieviel Arbeit im Gemüse (Lebensmitteln) steckt. Sie verlieren den Bezug zur Lebensmittelproduktion (bäuerlich-gärtnerischen Arbeit) und damit die Achtung vorm Produkt.
    Da brauchen wir uns nicht wundern, dass viel zu viel Essen weggeschmissen wird.
    Ganz neben bei haben wir auch erlebt, wie ein BIO-Gemüse eigentlich zu schmecken hat.



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