Seltener Ausflug in die geheimen Gänge

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg konnten die Glauchauer am Denkmaltag die unterirdischen Gänge hinter der Mühlgrabenstraße betreten. Zumindest offiziell, denn heimliche Besucher gibt es immer wieder.

Glauchau.

Es ist kalt, knapp zehn Grad Celsius, Wasser tröpfelt den Kalk hinab, die Taschenlampenträger kommen nur gebückt vorwärts und stapfen über den matschigen Untergrund. Hier, zehn Meter unterhalb des Schillerparks, drängen sich am Sonntagnachmittag Hunderte durch die Eingeweide der Glauchauer Unterstadt. Jana Weber, die Vorsitzende des Bürgervereins "Wir im Wehrdigt", hält vor einem Abzweig inne und deutet in die Dunkelheit. Dort verbirgt sich der zugemauerte Zugang zum Keller eines Wohnhauses. Wann die Zugänge verschlossen wurden, wann überhaupt der unterirdische Verbindungsgang im Berg angelegt wurde und zu welchem Zweck - keiner weiß es. Bekannt ist nur, dass der Gang seit 73 Jahren geschlossen ist. Offiziell jedenfalls.

Der unterirdische Korridor, dessen Eingang sich direkt gegenüber dem ehemaligen Stadtbad befindet, zieht am Sonntag Massen an. Nur 130 Meter ist er lang und verläuft hinter den Wohnhäusern bis zum Postberg, wo man durch eine kleine Öffnung hinein blicken kann. Ein anderer Abzweig führt vom Stadtbad aus direkt den Gottesackerberg hinauf, doch dieser Teil lässt sich nicht besichtigen, da er in der Mitte zugemauert wurde. Die Besucher werden in Zehnergruppen hineingeführt, es bilden sich Schlangen am Eingang. Zum ersten Mal überhaupt hat der Bürgerverein gemeinsam mit dem Stadtteilmanagement Unterstadt-Mulde den heimlichen Gang geöffnet. Über den Andrang ist Stadtführerin Angelika Grau nicht überrascht. "Damit habe ich gerechnet", sagt sie. "Es ist schließlich etwas Besonderes."

Grau schätzt, dass der Gang vor 300 Jahren ins Gestein gegraben wurde. An einer Stelle hat man Tropfsteine gefunden, die etwa diese Zeitdauer brauchen, um ihre jetzige Größe zu bekommen. Was der Gang bezwecken sollte, ist unklar. "Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde dann der Eingang gemauert und der Gang so erweitert, dass er als Luftschutzkeller diente", sagt Stadtteilmanagerin Sabine Resche. Ein Augenzeuge, der als Kind neben dem Stadtbad wohnte, hatte im Vorfeld davon erzählt, dass er selbst bei Luftschutzübungen gemeinsam mit anderen den unterirdischen Gang benutzt hat. "Nun stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen da drin auf ihren Koffern", sagt Stadtführerin Grau. Es gebe angenehmere Vorstellungen.

Wenige Meter neben dem Haupteingang liegt in der Mühlgrabenstraße das Gebäude mit der Hausnummer 18. Früher war der Getränkehandel von Fredo Müller ansässig, heute wohnt dort die Familie Peukert. In ihrem Felsenkeller, in dem sie Material ihrer Baufirma gelagert haben, hatte Fredo Müller einst sein Getränkelager untergebracht. Udo und Annett Peukert haben auch ihren Keller zum ersten Mal für die Öffentlichkeit geöffnet. Früher konnte man von dort in den unterirdischen Verbindungsgang gelangen, inzwischen versperrt eine Ziegelmauer den Weg.

Das ist auch besser so, findet Udo Peukert. Nicht selten tummeln sich komische Gestalten unter Tage. Er hat die Aufgabe übernommen, den Hauptzugang zum unterirdischen Korridor zu verschließen, und musste inzwischen schon vier neue Schlösser kaufen. Immer wieder wird eines aufgebrochen und jemand dringt in den heimlichen Gang ein. "Ich weiß ja nicht, wer das macht", sagt er, "aber ich schätze, das sind Jugendliche, die da ein Selfie machen wollen. Leute, die ein Interesse am Heimlichen haben. Die treibt die Neugier."

Stadtführerin Grau erzählt, dass Peukert große Mengen an leeren Bierflaschen, leeren Zigarettenschachteln und Plastikmüll aus dem unterirdischen Gang entfernt hat, um ihn überhaupt begehbar zu machen. Das Tor schloss sich mit dem Ende des Denkmaltags wieder bis auf weiteres. Eine dauerhafte Öffnung des Ganges ist nicht geplant.

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