Sie zaubert mit der Nähmaschine

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Glauchau.

Maßschneiderin zu werden, war nicht gerade ihr Herzenswunsch. "Ich wollte so was überhaupt nicht machen, Uhrmacherin oder Fernsehmechanikerin war mein Traum", sagt die gebürtige Glauchauerin Ilona Jäschke. Doch wie so oft, kam alles anders. "Meine Tante aus Freiberg hatte das Talent, mir das Berufsbild näher zu bringen und mich mit den Worten ,dir liegt das' zu überzeugen. Sie selbst war Handwerksmeisterin." Nach der dreijährigen Ausbildung zur Damenmaßschneiderin erwarb Jäschke 1983 den Meistertitel in ihrem Handwerk über die Handwerkskammer im heutigen Chemnitz, ihr Beruf war gefragt. "Mit dem VEB Kombinat in der Glauchauer Brüderstraße ging es uns ja gut. Wir hatten unzählige Reparaturarbeiten zu machen. Zu DDR- Zeiten wurden sogar kaputte Strumpfhosen geflickt. Das ist heute gar nicht mehr denkbar."

Nach der Wende änderte sich für Jäschke und das Berufsbild der Maßschneiderei vieles. "Nach und nach wurden aus Palla oder Quintett alle Mitarbeiter entlassen, meine Entscheidung zur Selbstständigkeit lag auf der Hand, arbeitslos wollte ich nicht sein." Ilona Jäschke sieht sich derzeit eher als Dienstleisterin. "Allein das Maßschneidern macht es nicht mehr aus. Die Annahme von Heißmangelware und Kleidung für die Reinigung gehören zu meinem Service. 1990 kam der Verkauf von Boutique-Ware hinzu und 1992 meine Braut-und Festtagsmoden."


Mit vier Nähmaschinen im Arbeitsraum in der ersten Etage des Geschäftes ist die Maßschneiderin gut bestückt. "Mit Nähleistungen haben wir straff zu tun. Aber nicht alles lässt sich maschinell bearbeiten. Oft sitze ich auch mit meiner angestellten Schneiderin mit Nadel und Faden zusammen und habe tatsächlich Handarbeit." Die Vorstellung, ein Lager mit unzähligen Stoffrollen zu haben, passt nicht mehr in die heutige Zeit. "Früher war das so. Wir drehten die schweren Ballen schönster Stoffe und verkauften diese meterweise. Heute haben wir gerade noch Musterstücke der Hauptstoffe hier, bestellen nach Kundenwunsch und Auftrag bei den Firmen. Die Auswahl an Braut- und Festtagsmoden im Geschäft am Johannisplatz ist groß. "Gefühlt ist die Glauchauer Innenstadt ja tot, aber nach 25 Jahren weiß jeder, wo mein Geschäft ist, Laufkundschaft gibt es für mich eher weniger. Wer zu mir kommt, der weiß, was er will. Schließlich heiratet man nicht nebenbei." Aber nicht nur die Beratung für Heiratswillige steht im Vordergrund, das Geschäft hält ein breites Sortiment an Accessoires bereit.

"Wir sind Begegnungsstätte und Selbsthilfegruppe", sagt Elke Brodkorb, die seit drei Jahren als Schneiderin an der Seite ihrer Chefin arbeitet. "Teilweise hören wir einfach nur zu, sind verschwiegen zu den Wünschen unserer Bräute, hier ist es sehr oft sehr lustig." Auch das heißt für Jäschke mit der Zeit gehen, für jeden Kunden dazu sein, jeden Wunsch ernst zu nehmen. "Wir fertigen Vereinskleidung an, zum Beispiel für die Schloßcompagnie und die Fahnenschwinger. Die Mottogeschichten des Glauchauer Carnevalsclubs werden hier in Kostüme umgewandelt, und wir knien uns ganz besonders in die Anfertigung historischer Kleidung." Das sieht Ilona Jäschke als Herausforderung: Etwas entstehen zu lassen - egal, ob historisch oder modern. Passgenau muss es sein. "Das Kleid der Schlossprinzessin, die Uniformen der Feuerwehren oder für Nachahmungen berühmter Persönlichkeiten, da nehme ich gern jeden Wunsch an. Maß nehmen am Menschen, Schnitte entwickeln und zeichnen, Stoffe aussuchen und mit viel Gefühl was Tolles zaubern."

Fingerfertigkeit, ein Blick für Details, das Wissen über Stoffe und Farben, aber auch Menschenkenntnis gehören dazu. "Man braucht dieses Gefühl, welche Kleidung zu einem Menschen passt. Das sagt der Name: nach Maß schneidern, individuell. Es gibt ja sprichwörtlich keine falsche Kleidung. Aber es nützt einem nichts, wenn der Mensch sich nicht darin wohlfühlt."

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