So geht Glauchau mit Agricola um

2019 steht ein Jubiläumsjahr an: Vor 525 Jahren wurde der berühmte Renaissance-Gelehrte geboren. Doch die Geburtstagsfeier fällt bescheiden aus.

Glauchau.

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Georgius Agricola nicht in Glauchau. Und den lateinischen Namen gab sich der 1494 als Georg Bauer geborene Sohn eines armen Glauchauer Webers während der Studienzeit. 2019 jährt sich die Geburt des Renaissance-Gelehrten und Begründers der modernen Geologie und Bergbaukunde zum 525. Mal. Für seine Geburtsstadt Grund genug, den "Vater der Mineralogie" zu würdigen. Doch die Geburtstagsfeier fällt mit Blick auf das Programm eher bescheiden aus.

Im Grunde sind es drei Veranstaltungen über das Jubiläumsjahr verteilt, wofür die Geburtsstadt selbst nur für zwei die Verantwortung trägt. Das ist einmal, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt, eine Veranstaltung mit Friedrich Naumann am 21. März. Der Historiker hat dieses Jahr ein neues Buch zum Leben und Wirken Agricolas veröffentlicht. Es trägt den Titel "Georgius Agricola - ein Riese an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit". Drei Tage später wird ein Festkonzert mit dem Glauchauer Georgius-Agricola-Chor und dem Kammerorchester "Collegium Instrumentale Gößnitz" im Glauchauer Stadttheater stattfinden. Die Georg-Agricola-Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur will vom 23. bis 25. August ihre Jahrestagung in Glauchau abhalten. Das genaue Programm steht laut Gesellschaft noch nicht fest. Es wird im Frühjahr veröffentlicht, heißt es. Und, um die kurze Liste der bislang bekannten Aktivitäten vollständig zu machen, Schüler des Glauchauer Agricolagymnasiums bereiten in der Geschichts-AG eine Ausstellung vor, die ab März im Rathaus gezeigt werden soll.

Es waren auch Schüler desselben Gymnasiums, die vor mehr als zehn Jahren gemeinsam mit Jugendlichen der Berufsschule "Dr. Dittes" im Rahmen des europaweiten Pegasus-Projektes Maschinen, die Agricola einst selbst konstruiert hatte, originalgetreu nachgebaut hatten. Pochwerk, Schmiedehammer und Schmelzofen wurden einst sogar in Spanien vorgeführt. Die Reste dieser hölzernen Nachbauten stehen verlassen an der Otto-Schimmel-Straße und sind seit Jahren Wind und Wetter ausgesetzt. "Wenn die Stadt so mit Agricola umgeht, ist das traurig", sagt der CDU-Stadtrat Andreas Winkler. Er schlägt vor zu prüfen, ob man die Maschinen, oder besser das, was davon noch übrig ist, aufarbeitet, in die Bahnhofshalle stellt und dort auf das Agricola-Jubiläum hinweist. Schließlich werde der Bahnhof von vielen Leuten täglich frequentiert, und die Stadt könnte gleich Werbung für sich machen.

Die Initiative, den 525. Geburtstag von Agricola in Glauchau gebührend zu begehen, stammt von den FDP-Stadträten. Die hatten schon vor zwei Jahren einen Antrag im Stadtrat gestellt, von dem aber nicht viel übrig geblieben ist. Die Idee, Glauchau den Namen "Agricolastadt" - ähnlich wie "Lutherstadt Wittenberg" - zu geben, wurde von Anfang an wegen des hohen Verwaltungsaufwands verworfen. "Wir freuen uns aber trotzdem, dass es Aktivitäten zum Agricola-Geburtstag in Glauchau gibt", sagt FDP-Stadtrat Nico Tippelt. Die Tagung der Agricolagesellschaft sei Bestandteil des Antrages von damals gewesen. Gut sei, dass das Gymnasium sich engagieren will und dass es ein Festkonzert gibt.

"Dennoch geht uns das nicht weit genug", sagt Tippelt. Die Bedeutung Agricolas als Universalgelehrter sollte seiner Meinung nach breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.

Darüber hinaus sei die Tatsache, dass Agricola in Glauchau geboren wurde, ein Pfund, mit dem die Stadt viel mehr wuchern müsse. Nico Tippelt kündigt an, im Stadtrat nochmals einen Antrag einzubringen, der sich damit beschäftigen soll, an den Ortseingängen von Glauchau in geeigneter Form dauerhaft auf Georgius Agricola aufmerksam zu machen.


Kommentar: Das ist zu wenig

Als der 500. Geburtstag von Georgius Agricola in Glauchau begangen wurde, gab es 30 Veranstaltungen, eine Gedenkmedaille wurde geprägt und ein bundesweiter Grafikwettbewerb ausgeschrieben. Humanismus, Bildungshunger und sich anbahnende Veränderungen in der Gesellschaft standen vor 25 Jahren im Mittelpunkt, so wie zu Agricolas Zeiten auch. Doch ist das heute anders? Wohl kaum. Und schon allein deshalb hätte der 525. Geburtstag des Renaissance-Gelehrten weit mehr verdient, als stattfinden wird, ohne das zu schmälern, was geplant ist.

Aber die Stadtverwaltung macht einen überforderten Eindruck, wenn es um das Erbe geht. Der Umgang der Stadt mit ihrem größten Sohn dokumentiert sich im Schicksal der Agricolamaschinen. Einst vom Landkreis geschenkt bekommen, weiß keiner so richtig, was er damit anstellen soll. Kein richtiger Platz, keine richtige Präsentation - das Schicksal ist besiegelt, und mit jedem Tag verschlechtert sich der Zustand der hölzernen Nachbauten. Ach, hätte die Stadt die Dinger doch nicht geschenkt bekommen. Oder noch drastischer formuliert: Wäre doch dieser Agricola nicht in Glauchau geboren. Ist er aber. Und wenn die Stadt überfordert ist, kann sie ja die Einwohner nach Ideen fragen. Die Glauchauer hätten da bestimmt den einen oder anderen Vorschlag.

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