Trotz Mangel an Pädagogen: Lehrerin muss Schule verlassen

Weil eine 39-Jährige kein Studium vorweisen kann, darf sie nicht weiter unterrichten. Ihre Kollegen setzen sich für sie ein - und haben schon auf hoher politischer Ebene vorgesprochen.

Limbach-Oberfrohna.

An der Geschwister-Scholl-Oberschule in Limbach-Oberfrohna herrscht Aufregung. Nicht weil die Schüler in wenigen Tagen Zeugnisse bekommen und bis dahin noch Projekttage sowie ein Schulfest anstehen. Das ist kurz vor dem Ende jeden Schuljahres ähnlich. Die Aufregung entzündet sich vielmehr an Katja Seidel. Die 39-Jährige unterrichtet Englisch sowie Deutsch als Zweitsprache (Daz) in Vollzeit - und sie soll die Schule verlassen. Ihr Vertrag läuft Ende Juli aus und wird nicht verlängert.

Viele Kollegen sind empört. Daz-Lehrer Tobias Andrä schätzt Seidel unter anderem, weil sie zehn Jahre im arabischen Golfstaat Kuwait verbracht hat. Sie spricht nicht nur fließend Englisch, sondern auch ein wenig Arabisch. Für den Unterricht von Flüchtlingskindern aus dem arabischen Raum sei es sehr von Vorteil, wenn man die kulturellen Hintergründe ihrer Familien kenne, erklärt Andrä. In vielen Situationen habe Seidel mit ihrem Wissen helfen können, berichtet der Pädagoge. Christina Hellner sieht das genauso. Sie ist Klassenlehrerin einer sechsten Klasse, Seidel unterstützt sie bei der Aufgabe. Hellner sagt, Seidel mache hervorragenden Unterricht. "Und sie ist bei den Kindern absolut anerkannt." Katja Seidel selbst äußert sich ähnlich. "Ich bin bei den Schülern beliebt. Sie erzählen mir auch persönliche Dinge, und ich höre gern zu", sagt die zierliche Frau selbstbewusst. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie gern an der Scholl-Schule bleiben würde. Nicht nur der Unterricht bereite ihr Freude. "Wir haben auch ein super Kollegium", sagt die Glauchauerin. Schulleiter Andreas Böhm gibt das Lob zurück: "Frau Seidel leistet gute Arbeit. Ich bedaure, dass sie gehen muss."

Warum aber beschäftigt der Freistaat Sachsen eine offenbar fähige und motivierte Lehrerin nicht weiter - obwohl er derzeit auf allen Ebenen händeringend nach Pädagogen sucht und der Unterricht nur mithilfe einer großen Anzahl von Seiteneinsteigern abgedeckt werden kann? Die Ursache ist Katja Seidels beruflicher Werdegang. Sie kann kein Studium vorweisen, sondern hat sich nach dem Abitur für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau entschieden. Nach dem Auslandsaufenthalt, bei dem sie für bekannte Luxus- und Sportmarken arbeitete, erfuhr sie, dass an den Schulen Leute mit Sprachkenntnissen gesucht werden. Sie bewarb sich mit Erfolg und unterschrieb 2016 einen Einjahresvertrag, der um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Aber jetzt ist Schluss.

Arndt Schubert vom Landesamt für Schule und Bildung erklärt, Katja Seidel sei nur vertretungsweise angestellt worden. Schon aus rechtlichen Gründen ließen sich befristete Arbeitsverträge nicht immer wieder verlängern. Und für eine unbefristete Anstellung fehle die Grundlage. "Ein Hochschulabschluss ist Mindestvoraussetzung", stellt Schubert fest. Seiteneinsteiger, die nicht Lehramt, aber ein anderes Fach studiert haben, könnten berufsbegleitend fortgebildet werden. Bei Katja Seidel sei dies aber nicht möglich. "In ihrem und in ähnlichen Fällen tut es uns leid. Aber wir haben eine Verantwortung für die Eltern und Kinder", sagt der Mann vom Landesamt.

Für Tobias Andrä klingen Schuberts Aussagen wenig plausibel. Aus seiner Sicht würde der Freistaat Verantwortung für Eltern und Kinder an der Geschwister-Scholl-Schule übernehmen, wenn Seidels Vertrag verlängert wird. Seine Kollegin Hellner ergänzt: "Wenn man Lehrer braucht ohne Ende, kann man doch nicht so stur sein." Katja Seidel und ihre Kollegen haben gemeinsam bereits zahlreiche Hebel in Bewegung gesetzt. Sie kontaktierten das Landesamt für Schule und Bildung und machten beim sogenannten Sachsengespräch Anfang des Monats in der Stadthalle sogar Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf Seidels Schicksal aufmerksam. Daraufhin wurde der Fall erneut geprüft - das Ergebnis blieb dasselbe.

Wie das Loch, das Seidel an der Oberschule hinterlässt, gestopft wird, steht laut Arndt Schubert noch nicht fest. Das Einstellungsverfahren für das neue Schuljahr laufe derzeit. Auch Katja Seidel weiß noch nicht, wie es für sie weitergeht. Ein Lehramtsstudium nachzuholen, kommt für sie nicht infrage. "Ich bin alleinerziehend und könnte das nicht finanzieren." Sie schaue sich nach beruflichen Alternativen um, sagt die Lehrerin, die bald keine mehr sein wird.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...