Vom Friedensgebet in die Redaktionsstube

30 JAHRE WENDE: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Heute: Peter Ohl, der zur Wende das "Meeraner Blatt" aus der Taufe hob.

Meerane.

Eines ist Peter Ohl bis heute nicht aus dem Kopf gegangen: Als der Meeraner am 1. Oktober 1989 mit Ehefrau Heidi und Sohn Thomas auf dem Plauener Bahnhof auf ein Rentnerehepaar aus Hof wartete, brausten unerwartet zwei Züge aus Prag am Bahnsteig vorbei. "Ein unvergesslicher Moment", sagt der 79-Jährige, der ab 1969 als Hausarzt in Meerane praktizierte und nach der Wende elf Jahre als Bürgermeister die Geschicke der Stadt lenkte.

Nach diesem Ereignis in Plauen wurden einen Tag später die im Wartezimmer der staatlichen Arztpraxis hängenden Landschaftsbilder aus dem Rahmen genommen und durch schwarze Bilder ersetzt. Nur in einem Rahmen konnten die Patienten eine mit Kreide auf Karton geschriebene Botschaft lesen: "Ich sah: Durchfahrende Züge voller junger Leute - jubelnd. Morgen könnten es unsere Kinder sein, wenn wir weiter Angst haben, wenn wir weiter schweigen!"

Die Aktion drang rasch an die Ohren der SED-Oberen. "Wir wurden gezwungen, alles abzuhängen", erinnert sich Ohl, der sich nie einschüchtern lassen hatte - vor allem wenn es um die damals typischen Probleme ging. So hatte er Anfang der 1980er-Jahre mehrfach das Post- und Fernmeldeamt in Glauchau sowie das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen in Berlin angeschrieben, damit er den dringend benötigten Telefonanschluss für sein Wohnhaus bekommt. Auf die Eingabe Ohls antwortete der Ministerrat der ehemaligen DDR lediglich vertröstend: "Wir haben die Möglichkeiten zur Verlegung des Fernsprechanschlusses genau geprüft. Leider kann Ihrem Anliegen nicht entsprochen werden. Wir bedauern das sehr, weil ein Fernsprechanschluss bei der medizinischen Betreuung der Bürger eine Unterstützung für Sie bedeuten würde."

Auch den einstigen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz schrieb Ohl an. Seinen Brief leitete er mit dieser Frage ein: "Welche Konsequenzen zieht die von Ihnen geführte Partei nach der Zurücknahme des Führungsanspruchs aus dem Artikel 1 der Verfassung der DDR?" Tatsächlich kam Wochen später eine Antwort, da war die Mauer längst gefallen. "An die Wiedervereinigung habe ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht geglaubt", sagt der Rentner, der mit seiner Familie an den Friedensgebeten und den anschließenden Demos am Meeraner Markt teilnahm. Auch war Ohl mit Frau, Kindern und deren Freunden zu einer Großdemo nach Leipzig gefahren. "Das war der 23. Oktober 1989. Daran kann ich mich gut erinnern. Wir hatten Glück und sind mit unseren Autos durchgekommen. Denn die Gefahr, dass wir in Gößnitz abgefangen werden, war groß", erinnert sich Ohl.

Auch als Mitstreiter des Neuen Forums in Meerane prangerte er Missstände an, thematisierte Forderungen der Leute auf der Straße. "Da es keine unabhängige Presse gab, mussten wir nach anderen Wegen suchen, um uns auszutauschen", so der Mediziner. Und das war die Geburtsstunde des "Meeraner Blatts", das Ohl anfangs mit einer Gruppe Gleichgesinnter herausgab. "Wir trafen uns immer montags nach dem Friedensgebet in der St. Martinskirche bei mir am Moeschler Weg." Die Texte schrieb Ohl auf seiner Erika-Reiseschreibmaschine.

Dass die erste Ausgabe am 18. November 1989 mit 1000 Exemplaren verteilt werden konnte, verdankte das Redaktionsteam der damaligen Druckerei Max R. Otto an der Ziegelstraße. "Das war mutig. Immerhin stand die Existenz des Betriebes auf dem Spiel", sagt Ohl. Bis 2002 waren 617 Druckausgaben erschienen, ab 2004 folgte die digitale Ausgabe. "Seit wenigen Tagen gibt's die Nummer 750 zum Lesen", freut sich der Ex-Bürgermeister, der zudem im nächsten Monat sein Buch "Meerane im Umbruch - Briefe und Texte" vorstellt. Ein Teil der Briefe aus seinem Privatarchiv ist noch bis 9. November innerhalb einer Ausstellung in der alten Feierhalle auf dem Friedhof zu sehen.

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