Wenn das Dorf Kulisse wird

Drei Tage lang war der MDR in Langenchursdorf unterwegs. Zuvor war Überzeugungsarbeit nötig - und zwar im Dorf selbst.

Langenchursdorf.

Frank Haupt steht auf einem Autohänger, Akkuschrauber in der Hand. Unten drückt Dietmar Hentschel gegen eine Pressspanplatte. Das Konstrukt soll als Hexenhäuschen durch Langenchursdorf rollen, zum Straßenfasching Anfang März. Frank Haupt schraubt. "Haaaalt", motzt Matthias Eichhorn, Kamera auf der Schulter. "Nu mach doch nicht schon wieder, wenn die Kamera noch nicht läuft." Frank Haupt lässt den Schrauber sinken, schnauft. "Ich dachte, ich hätte das rote Licht gesehen ..."

Ja, das hat er fix drauf gehabt, der Langenchursdorfer Ortsvorsteher. Wenn das rote Lichtlein brennt, läuft die Kamera. Dann erst reden oder schrauben. Das Team vom MDR filmt die Faschingsvorbereitungen in Dietmar Hentschels Werkstatt - und nicht nur das. Auch den Dorf-Kunstkettensäger Heiko Wittig hat die Kamera begleitet, das Downhill-Talent Erik Schreiter, die Oldtimer-Traktorfreunde und die Belegschaft vom Luisenhof.

Das hat Haupt eingefädelt: Vor mehr als einem Jahr schon hat er sich beworben für die MDR-Sendung "Unser Dorf hat Wochenende". Musste Überzeugungsarbeit leisten - im Dorf. "Was willst denn du im Fernsehen", haben sie ihn gefragt, die Langenchursdorfer. "Hier is doch gar nüscht."

Das stimmt - auf den ersten Blick. Fünf Kilometer windet sich die das Dorf durchs Tal, will kein Ende nehmen. Fußwege gibts kaum. Mit dem Auto weicht man mittags Schulkindern auf dem Heimweg aus, bremst dann für den Bus, der sie soeben ausgespuckt hat; verhandelt mit Traktoren um die Vorfahrt auf der engen Brücke, Blickkontakt, der Traktor fährt zuerst. Fragt man Frank Haupt, was Langenchursdorf ist, sagt er: das Tal der Liebe. Doch das ist lange her, mehr als ein halbes Jahrhundert nämlich, als im Erbgericht die jungen Bauern der Umgebung miteinander anbandelten - oder sich prügelten. Daher der zweite Beiname, Klein-Texas. Hier ist Frank Haupt geboren, aufgewachsen, und dann 20 Jahre im Exil gewesen, wie er es sagt: in Schwaben, für den Job. Langenchursdorf blieb Heimat, 2000 ist er zurückgekommen, und vielleicht sieht er deshalb sein Dorf klarer als die, die hier nie weggegangen sind. "Hier is doch gar nüscht" - dann zählt der ehemalige Klauenpfleger auf, erntet verblüffte Gesichter und ein "Stimmt".

Für die MDR-Bewerbung ist Haupt im Kopf durchs Dorf spaziert, hat zwei Seiten vollgeschrieben. Vor ein paar Wochen meldete sich MDR-Redakteur Mathias Schäfer, sie einigten sich auf eine Liste von Dorf-Persönlichkeiten, die im Film mitspielen sollten. Haupt zog dann von Tür zu Tür, bereitete die ahnungslosen Leute vor. Manche hatten Angst, sagt Haupt, alle waren aufgeregt.

Übrig blieben um die zehn Drehorte, die Langenchursdorf abbilden - oder besser: ein mögliches Bild vom Dorf. "Es ist immer nur ein Ausschnitt, der gezeigt werden kann", sagt auch Frank Haupt.

Mit dem Film wolle er sich bedanken, bei den Familien, die mit ihm vom Fasching bis Teichfest fast alles organisieren, was in Langenchursdorf gefeiert wird. Die sitzen am Freitagabend im Vorraum der Turnhalle um einen langen Tisch, kichern in ihr Bier, als Haupt am Kopfende zum dritten Mal die Matrosenmütze vom Kopf zieht, die zur Teichfest-Kluft gehört. "Ich bedanke mich bei euch und ziehe den Hut", spult er ab, immer wieder - bis die MDR-Leute zufrieden sind und die Kamera einpacken. Vorher müssen die Teichfestler aber noch die Gläser heben und ihren Schlachtruf grölen, "Teich - sauf aus".

Das ist rustikal und nicht für jeden was. Aber der Zusammenhalt verhindert, dass Langenchursdorf eine Schlafwohnburg wird, sagt Robby Hammer. Mit Sozialarbeitern, seiner Familie und der von Marco Witte betreut er seit 2009 auf dem Luisenhof Jugendliche mit sozialen oder geistigen Behinderungen. An jedem ersten Sonntag im Monat ist das Hofcafé geöffnet, für alle. Und so sitzt Frank Haupt am Tisch in der ehemaligen Scheune, es ist Sonntag, Tag Drei der Dreharbeiten.

Witte und Hammer sitzen mit ihm am Tisch. Zwei langhaarige Männer in Leinensachen, die die Postbotin nicht auseinanderhalten kann, auch nach zehn Jahren nicht. Deshalb halte sich die Mär, dass hier einer mit zwei Frauen lebt und einer Schar Kinder, erzählt Robby Hammer und lacht. Sie seien nicht von hier. Zuhause fühlen sie sich trotzdem, und im MDR-Film wollte Haupt sie dabei haben, unbedingt.

Nein, mittendrin beim Teichfest, das sei ihnen nichts, sagt Robby Hammer zu Haupt. Ist doch okay, sagt der. Aber sie stellen ihren Boden zur Verfügung: Der Teich liegt auf ihrem Grundstück. Und den Meeresgott Aquarius hat Marco Witte auch schon mal gegeben.

Unser Dorf hat Wochenende mit Langenchursdorf läuft am 17.Februar im MDR.

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