Wenn ein Frühstück zur Tradition wird

Seit 25 Jahren versorgt Karin Sonne die Wickersdorfer mit der "Freien Presse". Einmal im Jahr wartet auf sie deshalb eine ganz besondere Überraschung.

Wickersdorf.

Einen Wecker braucht Karin Sonne nie. Das frühe Aufstehen stört sie auch nicht. Sie wacht sogar immer von selbst auf. Zwischen 23.30 Uhr und 0.30 Uhr wird die "Freie Presse" an sechs Tagen pro Woche zu ihr nach Hause geliefert. Spätestens bis 6 Uhr muss die Zeitung in den Briefkästen der Leser sein. Oder auf der Türschwelle. Oder in einer Zementröhre. Karin Sonne geht auf jeden Extrawunsch der 27 Abonnenten aus dem Oberwierer Ortsteil Wickersdorf ein. "Manchmal liegt an dem Ablageplatz auch eine kleine Überraschung für mich", sagt sie. Neulich hat sie eine Schachtel Pralinen von einem Leser bekommen.

Ein ganz besonderes Dankeschön bekommt sie einmal im Jahr von Christine Friedrich. Die 71-Jährige lädt Karin Sonne jeden Sommer zum Zustellerinnenfrühstück ein. Vor ein paar Tagen haben sich die Damen zum fünften Mal getroffen. "Daraus ist inzwischen schon eine richtige Tradition geworden", sagt Christine Friedrich. Ihrer Zustellerin, die eigentlich auch ihre Nachbarin ist, serviert sie dann ein Frühstück wie im Hotel. "Sie ruft mich immer an, wenn sie von ihrer Tour zurück ist, dann bereite ich alles vor", sagt sie. In den frühen Morgenstunden, wenn die anderen Wickersdorfer sich im Bett noch mal umdrehen, sitzen Christine Friedrich und Karin Sonne dann schon am Frühstückstisch und starten zusammen in den Tag.


Entstanden ist die Idee zum Zustellerinnenfrühstück ganz spontan. "Es war eine furchtbar heiße Nacht und ich bin aufgestanden, um etwas zu trinken", erinnert sich Christine Friedrich. Vor ihrem Küchenfenster lief gerade Karin Sonne auf ihrer Tour vorbei. "Ich klopfte ans Fenster und fragte, ob sie nicht zum Frühstücken vorbei kommen möchte, wenn sie fertig ist." Die Zustellerin trifft oft nachts die Wickersdorfer. Manchen bringt sie die Zeitung auch schon etwas früher. "Ich weiß, dass sie nicht schlafen können und dann nachts das neue Kreuzworträtsel lösen möchten", sagt sie.

Ihre Arbeit als Zustellerin macht Karin Sonne schon seit 25 Jahren. "Früher waren auch Kataloge und Post dabei", sagt sie. Heute trägt sie nur noch die "Freie Presse" und den "Blick" aus. Einmal in all den Jahren war sie krank, da musste ein anderer Zusteller einspringen. Aber sonst ist die 64-Jährige immer unterwegs, egal bei welchem Wetter.

"Urlaub brauche ich keinen", sagt sie. Die Hunde der Leser kennen sie schon und fangen erst gar nicht an zu bellen, wenn sie mit dem kleinen Handwagen zu Fuß kommt.

"Besonders freue ich mich immer über das Wettkrähen der Hähne auf dem Dorf", sagt die Zustellerin. Die Tätigkeit ist Karin Sonne in die Wiege gelegt worden. Denn ihre Mutter war fast 30 Jahre lang Postfrau in Wickersdorf und hatte ein kleines Zimmer am Hof von Christine Friedrich. "Damals war hier nebenan das Gemeindeamt", erinnert sich die 71-Jährige.

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