Rundtour mit Rätseln

Steine im Boden, Wappen über Türen oder Figuren in Häusern wecken in Lichtenstein das Interesse jener, die dem Nachtwächter folgten.

Lichtenstein.

Mit 40 angemeldeten Teilnehmern machte sich Nachtwächter Christian Bretschneider am späten Samstagnachmittag auf den Weg durch Lichtenstein, trotz einiger Einschränkungen durch die Coronamaßnahmen und dunkler Wolken am Horizont. Die Geschichtsinteressierten kamen aber in reichlich zwei Stunden auf ihre Kosten. Doch es blieben auch Fragezeichen. "Erwartet nicht, dass wir alle Geheimnisse lösen", sagte Bretschneider zu Beginn der Tour.

Über einen dreieckigen Stein, der unmittelbar am Startpunkt des Rundgangs am Teichplatz steht, konnte der Nachtwächter informieren. Die Zahl 92 steht auf dem Stein an der Chemnitzer Straße. Die ist zwar an dieses Stelle nicht mehr Bundesstraße, doch jahrhundertelang war sie die Reichsstraße 173. "Die Zahlen sind Kilometerangaben", sagte Bretschneider, der relativ sicher ist, dass der Stein 92 Kilometer vom Startpunkt der Straße in Dresden entfernt steht. Aus dem Straßenbauamt hatte er sogar ein altes Buch mit Handzeichnungen bekommen. Nur wenige Schritte entfernt war ein weiterer Stein am Rande des Fußweges zu sehen. Auf ihm steht die Zahl 79,756. Sie gibt viele Rätsel auf. Ein Meilenstein ist es laut Christian Bretschneider nicht.

Ein alter Grenzstein wurde nahe der Laurentiuskirche im Boden entdeckt. Zwischen 1830 und 1840 soll es exakte Vermessungen der Grundstücke in Lichtenstein gegeben haben, doch auch vorher spielten Grenzsteine schon eine Rolle. Schließlich ging es beim Verkauf oder Steuerzahlungen ja immer um Geld. Auch die Entstehung einer besonderen Bezeichnung konnte Bretschneider erklären. Anfang des 18. Jahrhunderts fuhr im Auftrag August des Starken ein Messwagen durch Sachsen. Er hatte vier Räder und ein Messrad, dessen Umfang genau der "Dresdner Rute" von reichlich viereinhalb Metern entsprach. Genau dieses Rad war das berühmte fünfte Rad am Wagen.

Das geheimnisvolle Wappen der Familie Bonitz am früheren Schulgebäude an der Kirche oder den Prangerstein, die Wappen und das Maß der "Lichtensteiner Elle" am Ratskeller erklärte Bretschneider genauso wie viele weitere Zeichen. Die waren nicht nur historisch, sondern manchmal auch kriminell. Denn es wurden auch die sogenannten "Gauner-Zinken" vorgestellt, die Diebe und andere zweifelhafte Gesellen bis heute an Häuser malen, um ihren "Kollegen" versteckte Hinweise zu geben. An der früheren Mohren-Apotheke wurde nicht nur über einen besonderen Stein im Boden gerätselt, sondern auch der heute nicht unumstrittene Name erklärt. "Sehr alte Apotheken heißen so", weiß Bretschneider. Einst seien Arzneimittel aus fernen Ländern verkauft worden, mit den die Mauren handelten. Später wurde daraus der Begriff der Mohren.

Vorbei am Kreisverkehr und Häusern mit besonderen Skulpturen ging es zur Alrowa mit Fassadenschmuck und am Ende der Tour in Richtung des Callnberger Rathauses. Unterwegs erklärte Bretschneider dabei unter anderem auch noch die Höhenbolzen in Mauern, die für äußerst exakte geografische Höhenmessung bedeutsam sind.

Bei dem Rundgang kam mit Manfred Geyer auch ein zweiter Lichtensteiner Geschichtsexperte zu Wort. In der Straße Am Mühlgraben schwelgte der 81-Jährige dabei in Erinnerungen an seine Jugendzeit. In 13 der 16 Häuser gab es damals Geschäfte, auf der Straße spielten viele Kinder. "Es war eine schöne Zeit. Heute ist hier Ruhe. Kein Laden, kein Betrieb, keine Kinder", sagt Geyer mit Wehmut.

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