Wer will sein Häuschen auf einem Fußballplatz bauen?

Trotz sinkender Einwohnerzahlen ist Bauland in Lichtenstein gefragt. Die Leute wollen mehr Platz. Doch Erschließung ist immer eine Gratwanderung - denn sie frisst Fläche.

Lichtenstein.

Die Torgerippe stehen noch. Ein Rest des Ballfangnetzes hat sich in den Büschen neben dem alten Lichtensteiner Hartplatz verfangen, der rötlich in der blassen Frühlingssonne schimmert. Es ist kaum vorstellbar: Wo heute der blanke Beton unter Steinchen blitzt, sollen bald bis zu zehn Eigenheime stehen. Noch aber liegt das Gelände neben der ehemaligen Jugendherberge verlassen da.

Der alte Hartplatz ist eines von zwei Baugebieten, deren Erschließung die Stadt Lichtenstein derzeit vorantreibt. Das zweite liegt auf der anderen Seite der früheren Jugendherberge. In die ist vor etwas mehr als einem Jahr der Verein Kinderarche gezogen. Nun werden dort Jugendliche betreut, ein Teil der großen Wiese hinter dem Haus wird nicht mehr gebraucht. Knapp 6500Quadratmeter misst die Fläche. Vier Häuser könnten hier gebaut werden, am Rand der Schweitzer-Siedlung. Den alten Hartplatz, der mit 10.000 Quadratmetern noch ein bisschen größer ist, sollen sich bis zu zehn Familien teilen.

Sascha Aurich

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Die beiden Projekte sind Teil der Strategie Lichtensteins, Jüngere in die Stadt zu locken - und so der sinkenden Einwohnerzahl etwas entgegenzusetzen. Knapp 12.400 Menschen lebten noch 2011 in der Stadt und den Ortsteilen; 2017 waren es 11.500. Im Jahr 2030 rechnet die Stadt mit 9700 bis 10.300 Einwohnern. Das schreibt sie im sogenannten Integrierten Stadtentwicklungskonzept, kurz Insek. Bedrohliche Aussichten sind das. Dennoch: Die Nachfrage nach Bauland für Eigenheime bleibt konstant. "Wir haben im Technischen Ausschuss jeden Monat einen Bauantrag zur Bewilligung vorliegen", sagt SPD-Stadtrat Jürgen Hofmann. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zu den sinkenden Einwohnerzahlen.

Die Leute wollen mehr Platz. Nicht nur in Lichtenstein. Bundesweit ist die Wohnfläche pro Einwohner von 41,1 Quadratmeter im Jahr 2011 auf 41,6 im Jahr 2017 gestiegen, rechnet das Umweltbundesamt. Gleichzeitig bleiben Wohnungen leer - auch in Lichtenstein. Mehr als 470, hat die letzte Berechnung 2011 ergeben. Die Stadt will dem begegnen, indem sie Wohnungen zusammenlegt. Und eben Bauland bereithält. Doch auch das ist eine Gratwanderung: Bauland beansprucht Fläche, und die ist ein knappes Gut, warnen Umweltschützer. Der Flächenfraß ist offiziell belegt: Jeden Tag wird in Deutschland eine Fläche von rund 113 Fußballfeldern als neue Siedlungs- und Verkehrsfläche ausgewiesen, so das Umweltbundesamt. Ziele, den Flächenverbrauch zu senken, werden regelmäßig verfehlt. Maßgabe von Entwicklungskonzepten ist es, wenigstens Zersiedelung zu vermeiden, also das Wachsen von Dörfern und Städten ins Umland. So hat es auch die Stadt Lichtenstein im Stadtentwicklungskonzept festgehalten.

Und setzt es um, denn die beiden künftigen Wohngebiete an der alten Jugendherberge stopfen Lücken im Kerngebiet. Auf der Wiese könnte es bald losgehen. "Wir hoffen, innerhalb eines Jahres Baurecht herstellen zu können", sagt Bürgermeister Thomas Nordheim (Freie Wähler). Für mindestens 290.250Euro bietet die Stadt die Fläche zum Verkauf an, hofft auf jemanden, der gleich alles erschließt. Zum Ausschreibungsende am Montag sei ein Gebot eingegangen, so Nordheim.

Anders am alten Fußballplatz. Nicht nur die Torgerippe, auch der rote Sand muss weg. Bis dort mal Häuser stehen, bleibt also einiges zu tun. Immerhin: Ein Sportplatz ist die Fläche offiziell nicht mehr, der Stadtrat hat sie vor einigen Wochen entwidmet. Thomas Nordheim zufolge kann 2020 mit der Erschließung begonnen werden.

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