Werden Kleiderkammern für Bedürftige zum Auslaufmodell?

In vielen Orten haben die Kleiderkammern schon vor Jahren dichtgemacht. Gersdorf und Waldenburg haben jetzt nachgezogen - mangels Bedarf.

Hohenstein-Ernstthal.

Nach der Wende schossen in der Region Kleiderkammern für Bedürftige wie Pilze aus dem Boden. Doch inzwischen sind die meisten von der Bildfläche verschwunden. In Oberlungwitz und Lichtenstein wurden die Einrichtungen schon vor Jahren geschlossen. Die Kleiderkammer in Gersdorf wurde von der Gemeinde erst im vorigen Jahr dichtgemacht. "Es gab dafür einfach keinen Bedarf mehr", sagt Bürgermeister Erik Seidel (parteilos). In Waldenburg gab es für die Schließung handfeste finanzielle Gründe. Seit 2017 sanken die Einnahmen kontinuierlich. Für Bürgermeister Bernd Pohlers (Freie Wähler) war es nur noch ein "Zuschussgeschäft", das die Stadt 2018 mit 2700 Euro stützen musste - Tendenz steigend. Die Kommune zog die Notbremse und machte dicht.

Stellt sich die Frage: Ist das Kleiderkammer-Sterben ein Zeichen für steigenden Wohlstand in der Gesellschaft? Gibt es so wenige Bedürftige? Nein, sagt Rolf Schade, Vorstandsvorsitzender des DRK-Kreisverbandes Glauchau. Die Kammer in der Plantagenstraße gibt es seit 1992, und noch heute ist sie stark frequentiert. Mit der Spendenbereitschaft der Bürger ist Schade zufrieden. "Das Problem ist, dass viele Kleidungsstücke lose in den Behälter geworfen werden und dadurch verschmutzen. Es wäre schöner, wenn die Kleiderspenden verpackt eingeworfen würden", sagt Rolf Schade. Teilweise werde auch Müll in die Container geworfen.

Mit dem Problem kämpft auch der DRK-Kreisverband Hohenstein-Ernstthal. Jede Woche werden im Altkreis 40 Kleidercontainer geleert. Pro Jahr kommen so 220 Tonnen Textilien zusammen. "Mancher betrachtet unsere Container wohl als preiswerte Entsorgungsmöglichkeit. Wir können die Leute aber nur bitten, das zu unterlassen", sagt Gerd Gräfe, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes. Kerstin Götze hilft oft beim Auspacken und Sortieren. "Wir finden Müll, Lebensmittel, Baustoffe, Geschirr, Spielzeug, sogar Hasenmist und gebrauchte Windeln", sagt die 56-Jährige. Sie ist die Jüngste im Team der Kleiderkammer. Dagegen ist Martina Neubert schon ein Urgestein und seit 20 Jahren dabei. Die 67-Jährige hat den letzten Boom miterlebt, als 2016 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. "Da haben wir sogar im Verwaltungsgebäude zusätzlich einen Raum einrichten müssen." Inzwischen hat der Andrang nachgelassen. 16 Stunden an drei Tagen pro Woche ist die Kleiderkammer an der Herrmannstraße geöffnet. Ein zehnköpfiges Team arbeitet hier ehrenamtlich, jede Frau 20 Stunden im Monat gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Die Preise im Laden sind mehr als moderat: Winterjacken für 2,50 Euro, T-Shirts für 1 Euro, Pullover für 2 Euro, außerdem Schuhe, Bettwäsche, Mützen. "Wir haben auch extra einen Raum für Männerkonfektion. Was wir anbieten, ist fast ladenneu", sagt Heidrun Friedrich, die das Team erst seit einem Jahr verstärkt. "Manche Leute gehen trotzdem lieber zum Billiganbieter", bedauert sie. "Aber zu uns kann jeder kommen. Hier muss keiner nachweisen, dass er bedürftig ist", sagt Martina Neubert. Früher war sie Fahrkartenverkäuferin am Hohenstein-Ernstthaler Bahnhof. "Ich hatte viel mit Menschen zu tun, das ist heute wieder so. Deshalb macht mir das Verkaufen Spaß." Vor allem die Stammkundschaft mit wenig Rente und klammer Kasse weiß das Angebot des DRK zu schätzen.

Christine Stiller kommt gern zum Einkaufen in die Kleiderkammer. Die Rentnerin hat für 2 Euro eine schicke Hose erstanden. "Hier kann man viel Geld sparen", versichert die 70-Jährige. Kerstin Bajorat hat ihren Einkaufskorb gleich mit mehren Sachsen bepackt, darunter eine warme Sofadecke. "Als Alleinverdienerin muss man sehen, wo man sparen kann", sagt die 56-Jährige. Durch eine Krankheit hatte sie sehr abgenommen, musste sich viele neue Sachen zulegen - zum Normalpreis für sie unerschwinglich.

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