Allererster Gasthof war am Markt

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Hotel "Zum Löwen" (Folge 50)

Werdau.

In Werdau betrieb einst die HO auf dem Markt im Haus 19 das Fachgeschäft "Sportzentrum", in dem Sportbekleidung, Sportgeräte und touristische Ausrüstungen verkauft wurden. Bereits viele Jahrzehnte vorher, zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, befand sich in diesen Räumen sogar noch eine beliebte Einkehrstätte. Der Konditormeister Alfred Hagen übernahm Anfang des Jahres 1885 die Räume der ehemaligen Buchbinderei von Ferdinand Thümmler und eröffnete eine Conditorei und Café. Um seine Conditorei zusätzlich als Restaurant zu führen, fügte er eine "Bayrische Bierstube" hinzu. Mitte 1891 schloss Hagen alles und verlegte sie in die damalige Reichenbacherstraße (heute Blumengeschäft, August-Bebel-Straße 22). In das Haus Markt 19 zog Richard Eisengräber mit einem Wäschegeschäft ein. Anfang 1950 übernahm die HO Werdau die Räume, betrieb es zuerst als "Haus der Stoffe" und danach als "Sportzentrum". Nach der Wende belegte die Drogeriekette "Schlecker" und später das Geschäft "Florales Wurzelwerk" diese Ladenräume.

Das Haus Nummer 23 wurde zum Kriegsende 1945 durch einen mächtigen Granattreffer so zerstört, dass es abgebrochen werden musste. In die lange Zeit bestehende Baulücke richtete man in den 1950er-Jahren einen Flachbau mit einem Kiosk ein. Ein Neubau, in dem dann die Werdauer Sparkasse ihren Sitz einrichtete, erfolgt erst zum Ende der 1960er-Jahre. Das nächste Gebäude mit der Nummer 25 hat ebenfalls eine interessante Geschichte. Die Räume, in denen 2015 das italienische Ristorante "Romantica" eröffnete, wurden von Johannes Stolle als Lebensmittelgeschäft betrieben. Besser war dieses als sogenannter "Blauer Laden" bekannt. Die dort angebotene Magermilch war wohl ausschlaggebend für den Namen. Später richtete die HO Werdau ein Geschäft für Backwaren ein, das nach der Wende als private Bäckerei weitergeführt wurde. Nach langem Leerstand eröffnete 2001 das italienische Restaurant "Da Reale". Nach kurzer Zeit wurde es aufgegeben. Es folgte 2012 das Restaurant "Lissabon", das nur ein Jahr bestand. 2015 richtete sich erneut ein italienisches Restaurant ein. Obwohl dieses Ristorante "Romantica" Ende November geschlossen wurde, planen die Besitzer in den Räumen weitere gastronomische Veränderungen. Inzwischen wurde das "Romantica" in das Haus Markt 8 verlegt. Im Nachbarhaus 27 gründete Oskar Meister 1881 eine Buchdruckerei mit einem eigenen Verlag, aus dem zahlreiche Bücher stammen, die durch einen blau und rot gestreiften Schutzumschlag gekennzeichnet waren. Vor allem aber war Meister Herausgeber der täglich erscheinenden "Werdauer Zeitung". 1990 zog für kurze Zeit die Werdauer Stadtbibliothek ein. Nach deren Umzug in die Burgstraße 3 belegt bis heute die Sparkasse die Räume.

Zum heutigen Gebäude Nr. 29/31 sind einige Vorbemerkungen zu machen. Bereits in frühester Zeit standen etwa an dieser Stelle zwei einstöckige Fachwerkhäuser. Bis Anfang des 16. Jahrhunderts waren in Werdau für den Bierschank und die Beherbergung die jeweiligen kirchlichen Würdenträger zuständig. Für die übrige Bevölkerung gab es nur den Reihschank. Außer einer Schankeinrichtung im Rathaus existierten in Werdau keine Gasthöfe. So dauerte es bis 1510, ehe Lorenz Meinhard in seinem Haus Markt 16 einen ersten selbstständigen Gasthof eröffnen konnte. Da Meinhard enge Bindungen zum Wettinischen Fürstenhof unterhielt, bekam er bereits 1525 erste Zusicherungen für ein exklusives Schankrecht. Nur er und seine Erben durften in Werdau einen Gasthof bewirtschaften. Eine Ausnahme für einen weiteren gab es, aber der lag außerhalb der Stadtmauer. Ab 1674 wird das erste Mal der Name Gasthof "Zum Löwen" in alten Abrechnungsakten erwähnt. Streitigkeiten zwischen den Besitzern des Gasthofes und Bürgern, die ebenfalls einen Gasthof eröffnen wollten, zogen sich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hin. Stets wehrten die Besitzer des "Löwen" entsprechende Gesuche ab. Erst ab 1820 änderten sich die gesetzlichen Bestimmungen im gesamten Brauwesen. Von nun an konnten weitere Werdauer Bürger eine Schankwirtschaft eröffnen. 1872 erwarb der ehemalige Wirt im "Hotel de Saxe" am Obermarkt, Karl Krüger den Gasthof "Zum Löwen". Nach Erweiterung der Räumlichkeiten eröffnete Krüger Ende 1875 den Gasthof als sein "Hotel zum Löwen". Krüger betrieb das Hotel bis 1879. Schon zu dieser Zeit hatte er enorme wirtschaftliche Probleme. Als das Hotel Ende 1879 versteigert werden sollte, brannte das gesamte Gebäude "urplötzlich" ab. Franz Oberländer, der damalige Wirt der Gaststätte "Zur Post", erwarb dann das gesamte Grundstück nebst Brandruine. Zusammen mit dem Zigarrenhändler Hermann Teichmann aus dem Nachbarhaus Nr. 15 legten sie dem Stadtrat einen Vorschlag zur Errichtung eines neuen großen Hotels auf ihren beiden Grundstücksflächen vor. Nach dessen Genehmigung und dem sofortigen Baubeginn konnte schon am 6. November 1880 das neue "Hotel zum Löwen", in dem auf der linken Seite sogar einige Geschäfte untergebracht waren, eröffnet werden. Nach Oberländer übernahm 1884 Richard Große das Hotel. Die Ansichtskarte von 1918 zeigt das Hotel mit der heute noch erhaltenen prächtigen Hotelfront. Links im Gebäude erkennt man die Geschäfte sowie in der Mitte die große Hoteleinfahrt zu den im Hinterhof liegenden Remisen. Drei Schulkinder spazieren lachend über den Markt. Noch. Denn nun folgte mit den Auswirkungen des 1. Weltkrieges eine wirtschaftlich derartig katastrophale Lage, dass auch das Hotel nicht mehr zu halten war. Ende 1919 wurde es an die Stadt veräußert und 1920 geschlossen. Das "Hotel zum Löwen" mit dem alten Vorläufer-Gasthof "Zum Löwen", deren Besitzer sich Jahrhunderte gegen sämtliche Gasthofneugründungen erfolgreich wehrten existierte nicht mehr! Von 1920 bis 1924 verlegte die Stadtbibliothek ihren Bücherbestand in das Gebäude. Danach zog das Arbeitsamt ein. Goldschmied Rolf Hertel belegte Räume und 1948 war die Drogerie von Bruno Meinhardt eingerichtet. Zu DDR-Zeiten hatte dort die Bank für Land- und Nahrungsgüterwirtschaft ihren Sitz. Nach 1990 wurde das Gebäude an die Kreissparkasse Zwickau verkauft, die es unter Erhaltung der historischen Fassade sanierte und 1996 als Geschäftsstelle Werdau eröffnete.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.

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