Auf Braugewerbe folgt Textilfirma

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Schankwirtschaft im Meerhof (Folge 56)

Werdau.

Von den einst vielen Gassen, die vom Werdauer Markt abzweigen, verdienen die meisten heute kaum noch diese Bezeichnung. Durch Abbruch angrenzender Häuser haben sie ihren eigentlichen Charakter verloren. Vor dem Rathaus zweigt rechts die Kleine Burgstraße ab. Sie hieß bis 1866 Lorenzgasse und ist heute relativ breit, nicht so schmal wie vor dem Rathausneubau. Die nächste Gasse folgt nach dem ehemaligen Restaurant "Cafè am Markt". Sie wurde zwar nie namentlich gewidmet, wird aber im Volksmund wegen des früher dort vorhandenen Unrates Scheißgässel genannt. Schmal und finster verbindet sie den Markt mit der Burgstraße. Zwischen dem heutigen Kunden-Center, Markt Nr. 42, dem ehemaligen Restaurant "Zur Post" und dem Eckgebäude Markt Nr. 44, führt der Kirchplatz, einst Kirchgasse genannt, direkt zum Kirchvorplatz und zum Eingang der Marienkirche.

Auf der anderen Marktseite führt heute am Haus Nr. 49 nur noch ein schmaler gepflasterter Fußweg hinüber zur Weberstraße. Bis Anfang der 1990er-Jahre war dieser nochmals wie heute Basteigasse. Ein großes Schild "Bowling am Markt" überspannt den Eingang zur Kleinen Webergasse. Auch wenn diese im hinteren linken Bereich neu bebaut wurde, stellt sie dennoch eine in Werdau mittlerweile seltene historische Gasse mit alten Restbebauung dar. Im 17. Jahrhundert war der Bereich zwischen der heutigen Marktgasse und der Weberstraße das vornehmste Wohnviertel in Werdau. Dort wohnten Justiziar, Steuereinnehmer, Forstmeister, der Werdauer Adel, Offiziere einer in Werdau stationierten Militärabteilung und andere wohlhabende Bürger. In diesem, auch als sogenannter Bierwinkel bezeichnetes Gebiet, existierten noch bis in die 1870er-Jahre Reste der ehemaligen Reihschankeinrichtungen. Vor allem auf der linken Seite erweiterten kleinere Textilfirmen ihr Firmengelände. Es gab ein reges geschäftliches Leben in dieser schmalen Gasse.

Aber, wer weiß denn noch etwas von einem uralten Gebäudekomplex in diesem Gebiet, der als Meerhof bezeichnet und in dem auch gebraut und geschänkt wurde? Sicher nur wenige. Er existierte bereits seit dem 14. Jahrhundert. Heinrich III. Reuß von Plauen zu Greiz ließ damals dort eine Art Meierhof für die hiesigen Priester erbauen. Es ist anzunehmen, dass es mit Land- und Gastwirtschaft sowie mit einem Fleischereibetrieb verbundene Gebäude waren. Auch wird vermutet, dass das Hauptgebäude als eine Art Versammlungslokal von den sogenannten Calandsbrüdern, einer geistlichen Vereinigung in der Vorreformationszeit, genutzt wurde. Nach einem Brand im Jahr 1768, bei dem das Haupthaus nahezu vollständig abbrannte, erfolgte der Wiederaufbau und die Aufstockung des Gebäudes.

Im Sprachgebrauch änderte sich mit den Jahren die Bezeichnung von Meierhof über Möhrhof zum Meerhof. Von 1797 bis etwa 1812 wird als Besitzer des Meerhofes der Tuchmacher Johann Balthasar Naundorf genannt. Naundorf war übrigens der Vorbesitzer der späteren Schneider`schen Hülsenfabrik am Ziegelteich. Er war es auch, der mit der Einführung eines Pferdegöpels für den Antrieb der Maschinen in seiner Fabrik den Grundstein für eine aufstrebende Großindustrie in Werdau legte. Nach Naundorf besaß Gottlob Friedrich Göldner den Meerhof. Er wurde zum Unterschied zu den anderen Mitgliedern der weit verzweigten Familie im Volksmund Meerhof- Göldner genannt. Nach 1860 wurde allmählich die gesamte Bewirtschaftung des Meerhofes sowie das dortige Braugewerbe eingestellt. Dann wurde 1870 der Tuchmachermeister Hermann Klitsch neuer Besitzer. Unter Einbezug anliegender Gebäude gründete Klitsch eine Tuchfabrik, die der nachfolgende Besitzer Carl Schmelzer sen. ab 1895 zu einer großen Spinnerei und Färberei erweiterte. Das betagte Gebäude des Meerhofes wurde dabei komplett in die Industrieanlage integriert.

Die alte Ansicht um 1900 zeigt das damalige Fabrikgelände der Spinnerei von Carl Schmelzer, später Schröder & Teichmann. Zur besseren Orientierung sind einige Gebäude eingefärbt dargestellt. Oben rechts im Bild befindet sich das Haupthaus des ehemaligen Meerhofes, dessen Abbruch bis auf wenige Reste bereits 1907 erfolgte. Wie im Bild unten links zu sehen ist, bildeten damals schon die beiden Häuser Markt Nr. 11 und 13 den Abschluss zum Markt. Das große Haus Brühl Nr. 27 am oberen Rand hinter dem Schornstein steht heute noch. Es wurde saniert und 2019 als Gesundheitszentrum neu eröffnet. In der Bildmitte dominieren die damaligen Fabrikgebäude.

Mit der kompletten Sanierung dieses Stadtgebietes nach 1990 verschwanden diese Industrieanlagen zusammen mit den vielen, in und neben der Marktgasse gelegenen kleinen Werkstätten und Häusern. Wie in der aktuellen Ansicht sichtbar ist, befindet sich heute in diesem Bereich das Senioren-Pflegeheim "Haus am Brühl". Übrigens: Bei den während der Abbrucharbeiten nach 1990 erfolgten archäologischen Grabungen wurden Kellergewölbe und ein Brunnen freigelegt. Beides könnten Reste der uralten Anlage des ehemaligen Meerhofes gewesen sein.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.


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