Beim Bier wurde auch gekegelt

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die "Stadtgut-Gaststätte" (Folge 24)

Werdau.

Wir befinden uns auf der Holzstraße, die die Gaststätte "Stiefelknecht" streift und entlang der Gartenanlage "Werdauer Waldsiedlung" weiter in Richtung Stadtzentrum führt. In der Folge windet sich die Straße durch zwei, sich rechts und links der Straße befindlichen Anwesen, die immer noch einen prächtigen uralten Laubbaumbestand aufweisen. In dem umzäunten Gelände befinden sich die ehemaligen Villen der Fabrikanten Hupfer, auf der rechten und von den Fabrikanten Bäßler- Zacher auf der linken Seite. Man passiert diesen tunnelartigen Bereich und folgt der Straße nach rechts. Dabei umrundet man einen Teil des auf der linken Seite liegenden Kleingartenvereins "Wetterscheide", deren obere Gärten 1926 bei der Gründung des Vereins noch in unmittelbarer Nähe des damaligen Werdauer Waldrandes lagen. Ein eigenes Vereinsheim, das erst 1956 erbaut wurde und schon damals nie als öffentliche Gaststätte geplant war, wurde Anfang der 1980er-Jahre erneuert. Heute kann man die Räumlichkeiten inzwischen auch für Familien- und Vereinsfeste nutzen, wie zum Beispiel 2016, als die beiden Siedlervereine "Stadtgutsiedlung" und "Wetterscheide" gemeinsam ihr 90- jähriges Bestehen feierten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erstrecken sich die Gärten der Kleingartenanlage "Waldesruh 1904". Bereits ab 1893 entstanden hier auf dem Grundstück von Theodor Müller erste Schrebergärten, die sich nur wenige Jahre später zu einer größeren Gartenkolonie entwickelten. Der entsprechende Verein dazu wurde dann im Jahr 1904 im Restaurant "Sachsenburg" Werdau als Gartenbauverein "Waldplantage" gegründet.

Noch im selben Jahr errichtete man eine "Schutzhütte" mit einfacher öffentlicher Bewirtschaftung. Das Gartenheim bekam in den folgenden Jahren die unterschiedlichsten Bezeichnungen von "Schutzhütte" über "Pechhütte", Vereinsheim "Waldesruh", Kulturheim "Waldesruh" bis zur heutigen Bezeichnung Einkehrstätte "Pechhütte". 1967 wurde das Gebäude teilweise abgebrochen, mit einem massiven Anbau völlig neu gestaltet und bereits 1968 wieder eröffnet. Nach der Wende wurde der Betrieb mit zahlreichen Unterbrechungen weitergeführt. Heute steht man vor verschlossenen Türen. In ihrem weiteren Verlauf überquert die Holzstraße eine Brücke über die Gleise der ehemaligen Werdauer Waldbahn. Kurz nach der Brücke stand früher auf der linken Seite auch eines der vielen Selterswasserhäuschen. Das wussten vor allem die Bewohner der Stadtmitte, die ihre Gärten in Werdau-West hatten, sehr zu schätzen. Denn dort konnte man als Fußgänger, einen Handwagen hinter sich herziehend, glücklich den steilen Postberg überwunden zu haben, erst einmal verschnaufen und ein kühles Getränk genießen.


Nur wenige Meter weiter auf der rechten Straßenseite führt rechts eine schmale Straße zur Gärtnerei Nemeth, zu einer Kegelbahn und zum heutigen Kleingartenverein "Naturheilgarten". Ursprünglich waren das Gartengelände und Teile der heutigen Kegelbahn eine komplexe Anlage des Werdauer "Naturheilvereines". Der anfangs "Verein für Gesundheitspflege und naturgemäße Lebensweise" betitelte Verein wurde 1884 gegründet. Aber erst 1903 konnte das Grundstück erworben werden. Im Jahr 1904 wurde dann eine kleine "Schutzhütte" errichtet. In dieser durften zeitweise schon alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. 1908 erfolgte der Anbau einer Kegelbahn. Ein weiterer Anbau, der nun den Namen Gaststätte "Naturheilverein" trug, wurde 1928 eingeweiht. In der Nacht vom 6. zum 7. September 1985 kam es zu einem folgenschweren Brand. Dabei wurden die Gaststätte und die darüber liegende Einliegerwohnung völlig zerstört. Ein sofortiger Neuaufbau erfolgte nicht und ehemalige Gebäudereste verwahrlosten immer mehr. Noch 1994 beklagte man diesen ungelösten Zustand. Mittlerweile haben sich die Siedler in ihren Kleingärten etabliert und eine Kegelbahn wird weiter sportlich genutzt. Nur eine öffentliche Gaststätte gibt es nicht mehr. Wieder zurück zur Holzstraße. Von Weitem sieht man schon das rötliche Gebäude der heutigen "Diesterwegschule", deren Baubeginn für 1914 geplant war, aber erst 1927/28 als moderne "Knabenschule" errichtet werden konnte. 1929 wurde die Schule mit einem Turnhallenanbau ergänzt. Auf der linken Straßenseite erhebt sich das äußerst dominante Gebäude der katholischen Kirche "Sankt Bonifatius". Mit ihrem hohen Glockenturm stellt sie eines der Wahrzeichen von Werdau dar. Mitte 1926 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau der Kirche und im Dezember 1927 konnte schon die erste heilige Messe im Gotteshaus gelesen werden.

Im heutigen "Martin-Luther- King-Zentrum" befand sich vorher Jahrzehnte lang die, vor allem von Anwohnern und Sportgemeinschaften viel besuchte Schankwirtschaft "Stadtgut-Gaststätte". Im Zuge der Erbauung der Stadtgutsiedlung ließ die Riebecker-Brauerei ab 1930 auf ihrem Grundstück Stadtgutstraße- Ecke Ringstraße ein Wohnhaus mit Gastwirtschaft und Kegelbahn errichten. Der erste Wirt war Ewald Salzbrenner, der am 18. April 1931 die Gaststätte eröffnete. Als Paul Illner ab 1936 die Gaststätte übernahm, fügte er dieser noch ein kleines Lebensmittelgeschäft hinzu. Auf der Ansichtskarte aus den späten 1930er-Jahren ist ganz links das dazu gehörige Schaufenster zu erkennen. Ab 1952 übernahm die Sportgemeinschaft BSG Fortschritt Werdau das Gebäude einschließlich der nebenan befindlichen Kegelbahn. Die Gaststätte, die von nun an den Namen "Keglerheim" trug, wurde bis Ende 1993 bewirtschaftet. Danach war sie lange Zeit geschlossen, ehe sie 1997 als Gaststätte "Zum alten Stadtgut" wieder eröffnet wurde. Nach kurzer Zeit schloss die Gaststätte endgültig. Vor dem Gebäude steht heute ein riesiger Kastanienbaum, der vor allem im Frühjahr mit üppigen Blüten seine ganze Pracht entfaltet.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Broschüre Schul- und Heimatfest Leubnitz 2011

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