Hitze soll Hirntumor killen

An der Paracelsusklinik gibt es ein neues Verfahren, das Zellen schwächen oder sogar abtöten kann. Neurochirurgie wird mit Physik kombiniert.

Zwickau.

Es kommt wie der Blitz aus heiterem Himmel: Kopfschmerzen, die permanent zunehmen, die Mundwinkel hängen herab. Die vernichtende Diagnose, die das gesamte Leben eines Patienten und dessen Familie umstülpt: Glioblastom, ein bösartiger Tumor im Hirn. Heilungschance: gleich Null. Die Paracelsusklinik versucht nun, die dem Patienten verbleibende Lebenszeit deutlich zu verlängern - mit einer neuen Therapie, die auf Hitze beruht. Die Zwickauer haben als eine von vier Kliniken europaweit jetzt die dafür nötige Anschaffung getätigt, laut Verwaltungsleiterin Uta Ranke eine fast siebenstellige Investition. Demnächst sollen dort Hirntumorpatienten behandelt werden.

Trotz Operation, Strahlen- und Chemotherapie betrug die durchschnittliche Glioblastom-Lebens- erwartung im Jahr 2016 nur etwas mehr als ein Jahr. Heute sind es im Durchschnitt 2,4 Jahre, sagt Jan-Peter Warnke, Leiter der Neurochirurgie. Nach ihm vorliegenden Studien besteht mit dem Hightech-Gerät der Medizintechnikfirma Magforce nun die Möglichkeit, die Lebenszeit um einen Quantensprung zu verlängern, nämlich um das Fünffache. Möglich werde das durch ein Verfahren, in dem magnetische Nanopartikel in den Tumor oder die Höhlenwand eingebracht und erwärmt werden. Nach Angaben der Deutschen Hirntumorhilfe vom Mai 2019 erkranken deutschlandweit jährlich etwa 7000 Menschen neu an diesem bösartigen Hirntumor. Warnke schätzt, dass es sachsenweit rund 450 Menschen sind, die nun in Zwickau behandelt werden könnten.


Die Hirntumorzelle ist wesentlich temperaturempfindlicher als andere Zellen. "Das hat man vor zehn Jahren schon gewusst", sagt Warnke. Doch im medizinischen Waffenschrank gab es dafür keine Anwendung, wohl aber im physikalischen. "Wir addieren dieses Verfahren nun auf unser Instrumentarium", erklärt der Professor.

0,5 bis 2,2 Milliliter Flüssigkeit mit winzigen, kunststoffummantelten, magnetischen Eisenoxidpartikeln werden in das Gewebe injiziert. Ein Milliliter enthält ungefähr 17Milliarden Partikel. Danach warten auf den Patienten sechs Sitzungen, bei denen die Nanopartikel durch ein magnetisches Wechselfeld auf 41 bis 48 Grad Celsius erwärmt werden. Die Hitze zerstöre die Tumorzellen oder mache sie empfindlicher für eine anschließende Strahlentherapie, die der Patient im Heinrich-Braun-Klinikum Zwickau oder in den Krankenhäusern in Chemnitz, Gera oder Leipzig draufpacken kann. Anders als bei anderen Krebstherapien, die oft mit hässlichen Nebenwirkungen einhergehen, treten Warnke zufolge höchstens Kopfschmerzen auf.

Schon 2009 wurde dieses Verfahren bekannt, entwickelt an der Berliner Charité. Nur wenige Tage, nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darüber berichtete, meldete die Deutsche Gesellschaft für Neurologie Bedenken an. Zu wenige Studien, kritisierte Wolfgang Wick, Professor an der Uni Heidelberg.

Warnke zufolge liegen nun - zehn Jahre später - reichlich klinische Studien vor, die ihn überzeugt haben, diese Therapie ans Haus zu holen. Im Gelände stehen die zwei übereinander liegenden Container bereits. Der obere ist ausschließlich der Technik vorbehalten, vor allem einer leistungsstarken Klimaanlage zur Kühlung des Magneten. Im unteren Container bekommt der Patient die Behandlungen. Inwieweit die Krankenkassen die Kosten in Höhe von 23.500 Euro in ihrem Vergütungssystem fest aufnehmen, werde derzeit verhandelt. Bisher müsse das Haus jede Einzelmaßnahme abrechnen.

Warnke und zwei Kollegen im neuroonkologischen Team haben dafür eigens eine spezielle Schulung besucht. "Und wir erhoffen uns weitere Anwendungsmöglichkeiten", gibt sich der Chefarzt optimistisch. In den USA laufe derzeit eine Studie bei Patienten mit Prostatakarzinom. Mit dem Fachbereich Physikalische Technik der Westsächsischen Hochschule Zwickau streben die Klinik und Partner Magforce, der sich auf Nanotechnologie spezialisiert hat, Forschungsarbeiten an.


AOK bestätigt Verhandlungen

Krankenhäuser können laut AOK Plus die Nano-Therm-Behandlung bei Hirntumoren gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen von Fallpauschalen abrechnen, informiert Sprecherin Hannelore Strobel. Ob das künftig anders vergütet wird, werde derzeit noch verhandelt, bestätigt sie.

Als derzeit noch sehr begrenzt bezeichnet die Barmer die Forschungslage zur Wirksamkeit der Nanotherapie. "Ob Kosten übernommen werden, entscheiden wir daher im Einzelfall nach einer Prüfung durch den Medi- zinischen Dienst", informiert Referentin Caroline Max, Referentin für Gesundheitspolitik. (upa)

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