Im einstigen Zollhaus wurde zum Tanz auf der Diele eingeladen

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Gasthaus "Wiener Spitze" (Folge 15)

Werdau.

Heute befindet sich im Bereich der Greizer Straße/Puchertstraße ein Kreisel mit einer Auffahrt zur Westtrasse. Noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts stand hier eine kleine Zollstation mit einem damals dazu gehörenden Schlagbaum. Jenseits dieser Grenze in Richtung Fraureuth begann schon das "Ausland", das Fürstentum Reuß. Ab 1885 wurden im Königreich Sachsen allgemein alle Schlagbäume entfernt. Am Leubnitzer Flurstück "Wiener Spitze" geschah das erst kurz nach 1900.

Mit dem Inkrafttreten der Bestimmungen des Deutschen Zollvereins ab 1. Januar 1834 begann endlich auch in Deutschland eine spürbare wirtschaftliche Entwicklung, die vor allem durch den rasanten Neubau von Eisenbahnstrecken vorangetrieben wurde. In dieser Zeit erwarb Christian Friedrich Bornschein das alte Zollhaus an der sächsisch-reußischen Grenze. Bornschein wurde dazu für seine Verdienste in den Befreiungskriegen 1813/14 und in Ausübung seiner anschließenden Tätigkeit als Gendarm ab 1841 das Amt eines "Chaussee- Geldeinnehmers" übertragen. Als der Eisenbahnbau von Werdau nach Zwickau und Reichenbach weiterbetrieben wurde, entwickelte sich in dieser Gegend sehr schnell ein reges Leben. Viele Fremdarbeiter und Schaulustige bevölkerten die Bahnstrecken, verfolgten den Bau der imposanten Ziegelbrücken und hatten natürlich den Bedarf nach einer Einkehrstätte. Das bereits existierende "Schützenhaus" in Fraureuth war scheinbar zu weit abgelegen. Dazu befand es sich ja außerdem im "Reußenlande". Also begann Bornschein, sich zusätzlich zu seinen Zollaufgaben als Schankwirt zu betätigen. Er erwarb das nun auch in Sachsen neu eingeführte "bairische" Bier und begann mit dessen Ausschank (Eine Bemerkung zur damaligen Schreibweise des Wortes "bairisch": Der Buchstaben "Y" aus dem Griechischen wurde zwar schon 1825 in Bayern, aber erst viel später in das gesamte deutsche Alphabet eingeführt).

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Da Bornscheins Zusatzgewerbe aber illegal war, kam es häufig zu entsprechenden Anzeigen. So formulierte 1842 ein Beschwerdeführer sinngemäß: " ...Bornschein maße sich ständig an, daselbst unerlaubt Bier zu schänken...". Daraufhin beantragte Bornschein eine Schank-Concession, die er dann relativ schnell am 20. September 1843 von der Gemeinde Leubnitz erhielt. Jetzt konnte Bornschein sein Schankhaus offiziell eröffnen. Im Jahr 1857 feierte Bornschein sein 50-jähriges Staatsdienst-Jubiläum. Von seiner Majestät, dem König Johann von Sachsen, erhielt er als Würdigung dazu die silberne Verdienstmedaille übersandt. Als Bornschein 1859 verstarb, übernahm seine Frau Caroline bis 1861 die weitere Bewirtschaftung. Dann ließ sie das "Bornscheinsche Chausseehaus" versteigern. Nachfolgende Eigentümer, welche die Schankwirtschaft weiter betrieben, führten jeweils nur kleinere bauliche Veränderungen am Gebäude aus.

Mit der Zeit genügte diese einfache Schankwirtschaft in jeder Hinsicht nicht mehr den gewachsenen Anforderungen. Viele Industriebetriebe siedelten sich auf den freien Flächen rings um das alte Chausseehaus an. Ferdinand Puchert verlegte seine Produktionsstätte von Werdau an die Grenze Leubnitz/Ruppertsgrün. Diese Fabrikanlage wurde 2010 abgebrochen. Hermann Schumann gründete die Sächsische Waggonfabrik Werdau (das spätere KFZ- Werk "Ernst Grube"). Die Gebrüder Paul eröffneten eine Gießerei. Ein Restgebäude ist heute das Wohnhaus Greizer Straße Nr. 48. Hermann Kahnes betrieb am Platz der heutigen Netto-Verkaufsstelle eine Textilfabrik (später Zweiga Werk II), und die Firma Körner & Rasser besaß ihre Hülsenfabrik am Körnerplatz (heute Parkfläche). Dazu kam weiteres Kleingewerbe.

Um dem Bedarf nach einer größeren Schankwirtschaft gerecht zu werden, wurde im Jahr 1897 das gesamte alte Chausseehaus abgebrochen und ein großer moderner Neubau errichtet. Emil Schiebold war nun der langjährige Wirt in dem neuen Restaurant, das auch weiterhin, wie in den Anfangsjahren nach den jeweiligen Eigentümern benannt wurde. Der Name "Wiener Spitze" tauchte erst viel später auf. In den Anfangsjahren des 1. Weltkrieges wurde das Restaurant noch betrieben, aber dann im weiteren Verlauf der Kriegsjahre geschlossen. 1918 übernahm Wenzel Karman als neuer Besitzer das leer stehende Gebäude und eröffnete in den Räumen der ehemaligen Schankwirtschaft ein Materialwaren- und Lebensmittelgeschäft. Karman wollte dazu wieder ein Gasthaus eröffnen und bat 1925 die Gemeinde Leubnitz um eine Schankerlaubnis. Er schlug sogar vor, das vorhandene Haus zu einem großen Gebäudekomplex zu erweitern. Nachdem Mitte 1927 der Anbau bezugsfertig war, erhielt Karman am 23. November 1927 die Erlaubnis zum Bier- und Branntweinschank sowie zur Verabreichung von kalten und warmen Speisen. In der Ansichtskarte aus dem Anfang der 1930er-Jahre sieht man zwei Gebäudeteile, die wirken, als wären sie ineinander geschachtelt. Am unterschiedlichen Baustil erkennt man den auf der linken Seite befindlichen Neubau von 1897 und rechts den mächtigen 1927 eröffneten Anbau mit seinen großen Gaststubenfenstern. Der Gasthauseingang wurde ebenfalls verlegt. Er befand sich nun genau in der Ecke zwischen den beiden Häusern. Vermutlich ist es die Wirtsfamilie Karman, die sich hier für diese Aufnahme am Eingang postiert hat. Erst mit dieser Neueröffnung erhielt das Gasthaus ab 1927 den Namen "Wiener Spitze". Diesen Namen entlehnte Karman von dem dort befindlichen Flurstück gleichen Namens.

Ab 1931 gab es mit der C. Männel Brauerei Wernesgrün einen neuen Eigentümer. Die Familie Lindner, die auch nach 1945 das Gasthaus weiterbetrieb, erhielt 1949 zusätzlich die Erlaubnis zur Beherbergung. Viele Beschäftigte der umliegenden Firmen besuchten an Wochentagen auch oft vor und nach der jeweiligen Schicht das Gasthaus. An Wochenenden gab es Dielentanz und andere Unterhaltungen für Familien.

In den Folgejahren bis zur Wende bewirtschafteten dann zahlreiche Wirte das Gasthaus. Nach 1990 bis zum Jahr 2005 betrieb die Familie Pelka die Einrichtung als "Pension und Gasthaus Wiener Spitze". Dann wurde sie geschlossen. Neue Straßenplanungen gaben bereits vorher den Anstoß zur vollständigen Veränderung in diesem Kreuzungsbereich. Am 10. März 2006 rückten die ersten Bagger an, und es erfolgte der Abbruch des gesamten Gebäudekomplexes. Heute befindet sich hier ein Kreisel mit einer Anbindung zur neu gebauten Westtrasse.

In der Mitte des Kreisels symbolisiert eine Stele die ehemaligen Länder- und Gemeindegrenzen. So weisen Länderfahnen von Sachsen und Thüringen und typische Produkte, die in den anliegenden Gemeinden produziert wurden, auf diesen besonderen Ort hin. Ein symbolisierter Schlagbaum auf der südwestlichen Seite soll an die einstige Zollstation erinnern und das obere Ende der Stele ziert eine große Spitze - eben die "Wiener Spitze".

Quelle:  "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben;

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