Leser helfen schon zehn jungen Leuten

Dank zahlreicher Geld- und Sachspenden startete die Stadtmission im Januar ein gewagtes Vorhaben. Es ist zum Glücksfall geworden - für die Hilfe Suchenden, aber auch durch deren Mithilfe.

Zwickau.

Es gab Tage, da sah das Büro der Streetworker aus, als wollten sie gerade umziehen. Oder als wollten sie einen Geschirrhandel eröffnen. Es gab Tage, da mussten Lisa Kircheis und Elfried Börner über Kartons steigen, wenn sie sich einen Tee kochen wollten.

Das waren gute Tage. Denn sie zeigten den beiden Angestellten der Stadtmission Zwickau, dass es genug Menschen gibt, die helfen wollen. Nicht irgendwem, sondern jungen Erwachsenen, die auf der Straße gelandet sind, die einen zweiten oder dritten Anlauf nehmen müssen, um auf die richtige Spur zu kommen. Mit ihrer Aktion "Leser helfen" hat die "Freie Presse" das Vorhaben unterstützt, eine Wohnmöglichkeit für Menschen zwischen 18und 21 Jahren zu schaffen, die auf der Straße gelandet sind, dort aber nicht bleiben wollen. Die beiden Streetworker der Stadtmission fanden in der Bahnhofsvorstadt einen Vermieter, der keine Vorbehalte gegen das Projekt hatte. Sie bekamen über die Aktion "Leser helfen" genau 20.000 Euro, und sie trugen von diesem Geld genug Möbel zusammen, dass sie drei Wohnungen einrichten konnten. Zwei für zwei Bewohner und eine für vier Bewohner.

Seit Januar ist dort quasi Leben in der Bude. Derzeit wohnen dort fünf Frauen und drei Männer. Zwei von ihnen stehen kurz vorm Auszug in eine eigene Wohnung. Vier weitere junge Leute sind bereits im Laufe des Jahres ausgezogen. "Seit das Projekt läuft, haben wir insgesamt zehn Menschen geholfen oder sind gerade noch dabei", sagt Elfried Börner. Und das ist erst der Anfang, denn noch eine ganze Reihe von verzweifelten jungen Menschen wartet darauf, in eines der liebevoll hergerichteten Zimmer einziehen zu können. "Der Bedarf ist um einiges höher, als es unser Projekt hergibt", sagt Lisa Kircheis. "Das ist gut so." Eigentlich, denn es zeigt, dass die beiden Sozialpädagogen das Richtige tun. Es ist auf der anderen Seite natürlich auch traurig, dass Menschen am Beginn ihres Lebens in solch eine Situation geraten sind. "Durch die Spendenaktion ist es gelungen, das Thema Wohnungslosigkeit in einem positiveren Licht zu diskutieren", sagt Elfried Börner. "Viele Menschen tun oft so, als wäre jeder selbst schuld, wenn er in eine solche Lage gerät. Aber wenn die Jugendlichen beispielsweise im Streit ihr Zuhause verlassen müssen, dann ist das eben etwas anderes."

Das Projekt soll genau solchen Menschen helfen, die alt genug sind, auf eigenen Beinen zu stehen, die es aber nicht allein schaffen. Sie bekommen die Möglichkeit, für einige Monate in eines der Stadtmissions-Zimmer einzuziehen, um dem eigenen Leben wieder eine Struktur zu geben. Dabei helfen die Streetworker, sie kümmern sich auch um den Kontakt zu Ämtern und stehen ihren Schützlingen auch zur Seite, wenn sie eine Ausbildung suchen oder ein Freiwilliges Jahr absolvieren sollen.

Sobald die jungen Frauen oder Männer der Meinung sind, auf eigenen Füßen stehen zu können, beginnt die Suche nach einer geeigneten Wohnung. Das wird zunehmend schwerer, sagt Lisa Kircheis. Zwar gebe es genug Jobcenter-konforme Wohnungen in Zwickau. "Aber viele Vermieter tun sich schwer damit, junge Leute reinzunehmen." Dabei beweisen sie in dem großen Miethaus, in dem sie derzeit leben, dass das Zusammen-leben mit anderen weitgehend reibungsfrei verläuft. Beschwerden wegen lauter Partys habe es noch keine gegeben, versichert Lisa Kircheis. Manchmal klappe es mit der Mülltrennung nicht so richtig, und mitunter sehen die Wohnungen eben unaufgeräumt aus. "Aber im Grunde geben sich alle Mühe."

Wer aus dem Wohnprojekt auszieht, wird nicht allein gelassen. Zu einigen jungen Leuten hat Lisa Kircheis noch regelmäßig Kontakt, andere haben bereits losgelassen - aber immer noch die Möglichkeit, sich bei ihr zu melden. Auf den Weg in die Selbstständigkeit geben die beiden ihren Schützlingen Mut und Kraft mit. Dank der Spendenbereitschaft können sie nun schon zum zweiten Mal einem jungen Menschen auch eine gebrauchte Küche mitgeben, Start für die eigenen vier Wände. "Über die Spenden haben wir uns wirklich gefreut", sagt Elfried Börner. Lisa Kircheis ergänzt: "Vor allem, weil die Leute oft noch sehr gute Sachen abgegeben haben."

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