Mülsener löst Rätsel um kaputte Vase

Das ramponierte Gefäß, das bei Aufräumarbeiten am Ehrenmal in Micheln gefunden wurde, ließ Steffen Hergert keine Ruhe. Seine Recherchen reichen bis nach Italien.

Mülsen.

Wenn am 1.Mai traditionell am Ehrenmal in Mülsen St. Micheln der Opfer gedacht wird, die in dem früheren KZ-Außenlager im Dorf ums Leben gekommen sind, dann wird dort erstmals seit Jahrzehnten wieder eine mit Blumen gefüllte Marmorvase stehen und an einen Italiener erinnern, der nur 33Jahre alt geworden ist.

In den vergangenen Jahren haben sich viele Menschen bemüht, die Gedenkstätte an der St. Michelner Hauptstraße, die immer mehr verfiel, wieder herzurichten. Ortsvorsteher Michael Franke (Freie Wähler) und der Verein für Ortsgeschichte und Brauchtumspflege Micheln engagierten sich, genau wie Mülsener Unternehmen. Auch Lehrlinge aus dem VW-Werk packten mit an, zeigten sich erschrocken darüber, dass es in der Region ein Konzentrationslager gegeben hat und wie viele Menschen dort ums Leben gekommen sind. Volkswagen unterstützte die Arbeiten mit Muskelkraft, aber auch mit 1000 Euro.


Bei Aufräumarbeiten hinter dem Ehrenmal fanden die Auszubildenden eine kaputte, alte Vase. Diese weckte das Interesse von Steffen Hergert, Geschäftsführer der Firma Baureparaturen Mülsen, die sich auch an den Sanierungsarbeiten beteiligte. Die Vase einfach zu entsorgen, kam für Hergert nicht infrage. "Sie war schwer und mit einer lückenhaften Beschriftung versehen, mit der ich zuerst wenig anfangen konnte", erzählt er. "Weil sie am Ehrenmal gefunden wurde, lag es nahe, dass sie an ein Opfer aus dem Konzentrationslager erinnert." Hergert recherchierte im Internet, befragte Zeitzeugen und fand heraus, dass das Fundstück dem Italiener Mario Pollo gewidmet ist. "Er war ein Partisan, geboren am 24.September in Cormons, gestorben am 4. April in Mülsen St. Micheln. Er wurde im Zweiten Weltkrieg gefangen genommen und hierher ins KZ gebracht. Was zu seinem Tod geführt hat, ist nicht bekannt. Aber er ist nur 33 Jahre alt geworden." Der Mülsener weiß inzwischen, dass Mario Pollo wie weitere 50 Häftlinge in Voigts Schlucht am Rande der Gemeinde beerdigt worden ist. Seine Mutter soll früher regelmäßig aus Italien hergekommen sein, um um ihren Sohn zu trauern. Dabei hat sie auch die Vase aus italienischem Marmor mit der Schrift, die an ihr Kind erinnert, mitgebracht und sie dann jedes Jahr mit Blumen gefüllt. "Doch irgendwann wird sie zu alt für die weite Reise gewesen sein, irgendwann ging das Gefäß kaputt und landete hinterm Ehrenmal", sagt Hergert.

Inzwischen sieht die Vase wieder wie neu aus. "Ich hatte Frank Metzner, der in meiner Firma arbeitet, gebeten, die Vase zu restaurieren. Er hat viel Zeit und Liebe investiert, den Marmor aufgearbeitet, die Vase geklebt, Fehlstellen erneuert und die fehlenden Buchstaben ersetzt", sagt Hergert. "Wenn Opfer erst einmal einen Namen haben, dann geht einem ihr Schicksal schon nahe. Auch wenn es mehr als 70 Jahre her ist, was sich hier ereignet hat: Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten." Erinnert wird an Mario Pollo übrigens nicht nur in Mülsen. In seinem Geburtsort Cormons ist vor einigen Jahren ein Platz nach ihm und seinem Bruder Ermengildo, der auch ein Widerstandskämpfer war, benannt worden.

Die Kranzniederlegung zur Erinnerung an die KZ-Opfer findet am 1. Mai um 9.30Uhr am Ehrenmal an der St. Michelner Hauptstraße in Mülsen statt.


Blick in Historie

Die Weberei in Mülsen St. Micheln wurde im Januar 1944 Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg. Die Häftlinge hausten im Kellergeschoss. In den Räumen darüber mussten sie Teile für das Jagdflugzeug Messerschmitt Bf-109 bauen.

Ein Mahnmal an der Hauptstraße erinnert an die Menschen, die bei der Brandkatastrophe in der Nacht zum 1.Mai 1944 ums Leben gekommen sind. Damals hatten Insassen einen Brand gelegt, um die Wachen zum Öffnen der Stahltüren zu bewegen. Diese blieben aber zu. SS-Leute schossen in das brennende Schlaf- lager. Am Ende waren neben vielen Verletzten 198 erschossene oder bei lebendigem Leibe verbrannte Menschen zu beklagen.

In Vogts Schlucht befindet sich eine

Grabstätte für weitere 51 Häftlinge

der KZ-Außenstelle, die durch Hunger,

Seuchen oder Brutalität der Wachen

starben. (vim/upa)

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