"Nordlicht" zieht es in die alte Heimat

Ein 73-jähriger Glaser aus Werdau hat im hohen Norden in Buchholz gut zu tun. Doch alle vier Wochen kommt er heim.

Werdau.

Den 13. Oktober hat sich Hans-Ullrich Böttcher dick in seinen Terminkalender geschrieben. Da kommt er nach Werdau in die Heimat, um das Fest der Volksmusik mit den "Schäfern" in der Stadthalle zu erleben. Zu dieser Kultureinrichtung hat der Glasermeister eine besondere Beziehung. "Ich gehörte in den 1990er-Jahren zu den Gründern des Fördervereins für das ,Pleißental' und habe es mit vor dem Abriss bewahrt und für seine Sanierung gekämpft", erinnert sich der Werdauer an ereignisreiche Zeiten.

2006 musste Hans-Ullrich Böttcher seine Glaserei in der Werdauer Nordstadt, die sein Großvater Kurt gegründet hatte, schließen. Ständig steigende Materialkosten, Abgaben an die Berufsgenossenschaft, der an seine Mitarbeiter nicht mehr zahlbare Tariflohn waren die Gründe dafür. Das 80-jährige Bestehen erlebte die Firma nicht mehr. "Das war extrem bitter. Die Banken gaben mir keine Chance für eine Sanierung. Aber die Zeit hat die Wunden geheilt." In Buchholz in Niedersachsen, 20 Kilometer von Hamburg entfernt, startete der Glasereichef neu durch. "Und hier erledige ich immer noch Aufträge für meine Kunden. Ich bin gut im Geschäft. Mit zwei Flüchtlingen aus Syrien und Pakistan, die bei ihm als Praktikenten arbeiten, fährt er zu den Leuten, berät, misst aus, baut ein. "Sicherheitsglas ist sehr gefragt in diesen unruhigen Zeiten, aber auch nagelneue Fenster und Türen bauen wir ein oder arbeiten Historisches auf", erzählt der Werdauer, der mit den Norddeutschen und ihrer Mentalität gut zurechtkommt. Und auf dem flachen Land oft mit dem Fahrrad unterwegs ist. Viel Zeit verbringt er im Sozialkontor Hamburg, einer Einrichtung für geistig behinderte und körperlich gehandicapte Menschen. "Dort helfe ich gern mit, nicht nur bei handwerklichen Arbeiten", sagt der Senior.

Doch alle vier Wochen zieht es ihn nach Werdau zu Ehefrau Ingrid, mit der er seit 49 Jahren verheiratet ist. Am liebsten fährt Hans-Ullrich Böttcher in seine Heimat mit dem Zug. Wenn die Landschaft langsam hügelig wird, stellt sich das Zuhause-Gefühl ein. Und ein Spaziergang durch die Pleißestadt gehört zum Ritual. "Vieles hat sich zum Guten verändert. Aber wenn ich die leeren Geschäfte sehe, tut mir das weh." Bald wird er nach Werdau zurückkommen. Das steht felsenfest. "Meine Frau möchte nicht mit in den Norden. Sie hat hier ihren Lebensmittelpunkt und ich hier meine Wurzeln."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...