Protokolle gegen Verharmlosung

Edmund Käbisch, ehemaliger Dompfarrer und Zwickaus wohl prominentestes Stasiopfer, hat sein Buch vorgestellt. Dabei stand er allein, aber nicht allein gelassen.

Zwickau.

Es ist ein Abend der leisen Töne. Es geht nicht um Rache und auch nicht um eine Abrechnung. Das kann man den Worten von Edmund Käbisch nicht entnehmen. Es geht ihm aber darum, dass das Spitzelsystem der Staatssicherheit nicht vergessen und auch nichtin der Rückschau verniedlicht wird.

Nachdem die Premiere mehrfach verschoben wurde, steht der ehemalige Dompfarrer Edmund Käbisch in der Hochschulbibliothek am Mikrofon, in den Händen Stacheldraht und Kerze, für ihn treue Begleiter und mahnendes Symbol in lichtarmen Zeiten. Vor ihm sitzen auf Stühlen, Tischen und Treppen mindestens 130 Zuhörer, so viele wie selten an einem Abend des "Studium generale". Es sind Wegbegleiter, Stadt- räte, Christen. Ob auch Menschen darunter sind, die in seinem Buch eine Rolle spielen, ist nicht ersichtlich. Niemand gibt sich als Protagonist zu erkennen.

Nach der Wende hat Käbisch die Menschen aufgesucht, die den Kirchenmann laut seiner Stasiakten bespitzelt haben. Er wollte von ihnen wissen, was sie taten und warum. Diese Gespräche hat er protokolliert und nun aufgeschrieben. Als er das Buch "Lange Schatten meiner Stasi-Bearbeiter" vorstellt, sucht er sich unter anderem die Geschichte von Britta Anders heraus. Unter diesem Decknamen operierte eine Frau, die die Geliebte des Kreisdienststellenleiters war, die seinen Besuch wenige Jahre nach der Wende bereits erwartet hatte. Eine Frau, die dem Dompfarrer von ihrer Liebe erzählte, sodass der Mann rote Ohren bekam. Die ihm darlegte, wie sie blind vor Liebe in die Sache hineinschlitterte ohne etwas dazugetan zu haben. Und dann bat sie ihn um Hilfe, weil sie Zweifel am natürlichen Tod ihres Geliebten hatte. Er unterstützte sie.

Es stellte sich heraus, dass diese Frau sehr wohl freiwillig ihre Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte. Dass sie wusste, was sie tat. Käbisch erzählt das ohne Groll in der Stimme. Vielleicht wirkt er resigniert. 21 Gespräche, sagt er, habe er geführt. Danach brach er seine Mission ab. Vielleicht hatte er genug gehört. Lügen, Ausflüchte, Einsichten. Auch Schuldzuweisungen habe er erlebt, von Menschen, die ihm anlasteten, dass sie im neuen System nicht so gut zurechtkommen wie im alten. Käbischs Buch ist also unvollständig geblieben. Und dennoch verlangt es vom Leser Geduld und guten Willen, mitunter auch einen langen Atem, um sich durch die Gespräche zu arbeiten, die von aufrührend bis banal vieles sind.

Käbisch steht allein vor seinem Publikum. Roland Jahn, Chef der Stasiunterlagenbehörde, hatte seinen Besuch kurzfristig abgesagt. Ebenso sein Verleger, der Landesbischof und ein Vertreter der Landeskirche. Der Theologe weiß, wie es ist, seine Sache allein zu vertreten. Doch die Zuhörer, die den Abend sehr aufmerksam verfolgen, geben ihm das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Manch einer bleibt noch für ein paar Worte, viele kaufen sein Buch. Der Abend geht auch in Stille zu Ende. Es wirkt, als trügen viele nicht nur ein Buch unter dem Arm nach Hause, sondern als würden sie sich auch ihres eigenen Päckchens bewusst. Denn unberührt vom Thema Stasi war in der DDR kaum ein Mensch.

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