Wände zierten Werdau-Ansichten

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Gasthaus " Alt Werdau" (Folge 40)

Werdau.

Gegenüber der Einmündung der Gneisenaustraße steht als eines der Wahrzeichen von Werdau die Marienkirche. Die Kirche brannte in den vergangenen Jahrhunderten des Öfteren ab. Zuletzt geschah das beim großen Stadtbrand 1756. Der Wiederaufbau erfolgte im Stil des klassischen Spätbarocks durch den Architekten und Baumeister Samuel Locke. Nach mehrjähriger Bauzeit konnte die Kirche endlich am 1. Adventssonntag 1764 geweiht werden.

Unmittelbar neben der Marienkirche befand sich ein kleines, 1869 erbautes und 1976 abgebrochenes Gebäude mit der Haus-Nr. 2. Leonhard Regel, der Hausbesitzer, erhielt noch 1869 die Erlaubnis in diesem Haus eine Restauration, die er dann unter seinem Namen bewirtschaftete, zu eröffnen. Der spätere Besitzer Robert Klopfer gab 1892 dem Restaurant den Namen "Zur Wartburg". 1925 fand sich dann auch ein Bezug zum gegenüberliegenden Gerichtsgebäude, denn Alma Fröhlich, die neue Besitzerin, gab dem Restaurant den Namen "Gasthaus zum Amtshof". Das Gasthaus musste 1943 geschlossen werden, weil es als Unterkunft für kriegsgefangene Ostarbeiter benötigt wurde. Erst 1947 gab es wieder einen regulären Schankbetrieb, der aber schon 1950 wieder eingestellt wurde. Das Haus wurde im Anschluss nur noch für Wohnzwecke genutzt und nach langem Leerstand 1976 abgebrochen. Nur eine Grünfläche hinter dem Pfarramt erinnert heute noch an den ehemaligen Standort. An der Stelle des späteren Gebäudes mit der Haus-Nr. 10 befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts ein kleines Gebäude, in dem der Tuchscherer Carl August Trumbold seinem Gewerbe nachging. Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite wurde 1841 ein großes Gebäude errichtet, in das das Werdauer Amtsgericht einzog. Findig wie Trumbold war, stellte er den Antrag auf Erteilung einer Schank-Concession mit einer besonders einfallsreichen Begründung: Da am gegenüberliegenden Amtsgericht oftmals Bürger auf der Straße, auch bei schlechtem Wetter warten mussten, wäre es für diese doch angenehmer, sich bei ihm in der Schankwirtschaft aufzuhalten. Trumbold erhielt die Schankerlaubnis. Die Wirtschaft wurde noch bis Mitte 1850 betrieben, das Haus um 1865 abgebrochen und ein Neubau errichtet. Im Eckbereich zur heutigen Theodor-Körner-Straße entstand 1836 eine Bürgerschule, die später nach ihrem Lehrprofil als II. Bürgerschule eingestuft wurde. Beim Bau der Schule wurden Steine der Stadttore und Teile der Stadtmauer verwendet. Die Mädchen die im Gebäude Weberstraße 20, dem ehemaligen Innungshaus der Tuchmacher, unterrichtet wurden, siedelten in die neue Schule über. Da zur gleichen Zeit in Leubnitz eine Schule entstand, wurden die Leubnitzer Schüler aus Werdau ausgeschult. Die alte Bürgerschule wurde 2006 abgebrochen. Im gegenüberliegenden Eckgrundstück gründete 1866 J. G. Körner eine Textilfabrik. Speziell für die Körnersche Fabrik wurde 1865 eine Straße angelegt, die dann nach dem Besitzer Körnerstraße genannt wurde. Nachdem Körner seine Fabrikation nach Steinpleis verlegt hatte, richtete Carl Gustav Bäßler in den frei gewordenen Fabrikanlagen eine Tuchfertigung ein. Erst 1954 erhielt die Körnerstraße den heute noch aktuellen Namen Theodor-Körner-Straße. Die Einmündung der Straße Zum Sternplatz in die Zwickauer Straße ist vor allem im Kurvenbereich für Busse und Lkw schwerlich zu bewältigen. Damit dieser Straßenbereich ausgebaut werden kann, wurden im August Restumzäunungen und das Fabrikgebäude abgebrochen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht heute noch ein großes Gebäude mit der Haus-Nr. 18, das einst das Finanzamt beherbergte und in dem zu DDR-Zeiten das Volkspolizeikreisamt untergebracht war.

Biegt man die Straße nun nach links ab, gelangt man zum mittleren Straßenbereich der heutigen Zwickauer Straße. Auf der rechten Seite befindet sich die parkähnliche Anlage des Gedächtnisplatzes, der in älteren Zeiten einmal ein Teich war. Direkt im Kurvenbereich stand noch bis kurz nach 1990 die mächtige Villa des Fabrikanten Bäßler.

Oberhalb dieser Villa befand sich bis in die 1970er-Jahre noch ein kleines zweistöckiges Haus mit der Anschrift Zwickauer Straße Nr. 3. Dessen Krüppelwalm-Bedachung ließ vermuten, dass es schon zum Ende des 18. Jahrhunderts erbaut worden war. Es gehörte damals dem Schuhmacher Christian Hennig. Mitte der 1840er-Jahre erhielt der neue Besitzer Conrad Leimer die Genehmigung, in diesem Haus eine Garküche zu betreiben. 1869 erweiterte Heinrich Hübner die Speiseeinrichtung zu einer Restauration. Bis 1909 trug das Restaurant den Namen des jeweiligen Besitzers. Dann wurden Bereiche der Gaststube umgebaut und mehrere Wände mit historischen Werdauer Ansichten versehen. Wegen dieser Ausstattung bekam das Restaurant nun den Namen "Alt Werdau". Mit dem letzten Wirt Richard Kühnert war das inzwischen Gasthaus genannte Restaurant noch bis 1952 in Betrieb. Nach dessen Schließung verlegte die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe ihren Sitz in die Gasträume. Die verwitwete Frau Berta Kühnert wohnte noch bis Anfang der 1960-Jahre im Haus. In der Aufnahme aus dem Jahr 1975 erkennt man links am Haus einen schmalen Anbau, in dessen oberer Etage Frau Kühnert, heute kaum mehr vorstellbar, einst ihr winziges Schlafzimmer besaß. Die gesamte Bausubstanz des Hauses verfiel mit den Jahren derartig, sodass nur noch der Abbruch blieb. Der erfolgte 1977. Wenige Schritte weiter bergaufwärts, an der Stelle, an der links die heutige Gerhard-Weck-Straße abzweigt, stand bis 2011 ein Eckhaus mit besonderer Bedeutung. Zuerst war hier ein Restaurant "Garküche" eingerichtet. Das Restaurant, welches August Klopfer zusammen mit seiner Fleischerei betrieb, bestand seit 1868. Infolge der wirtschaftlichen Nachwirkungen des 1. Weltkrieges wurde das Restaurant 1920 geschlossen. Neuer Eigentümer wurde die Stadt Werdau, die ab 1921 das Gebäude zur gegenüberliegenden Amtshauptmannschaft zuordnet. Als 1933 die Werdauer mit der Zwickauer Amtshauptmannschaft verschmolz und nach Zwickau ausgelagert wurde, belegte die Stadtbücherei die Räume. Ab 1935 wurde das Gebäude durch eine NS- Einrichtung genutzt. Seit 1945 diente es nur noch Wohnzwecken. Nach 1990 wurde es abgebrochen.

Quelle: Buch "Werdauer Gaststättenchronik", zwei Bände mit historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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