Waschbären rauben Familie den Schlaf

Bewohner von Steinpleis sind verzweifelt. Schuld daran sind nächtliche Besucher. Die fühlen sich anscheinend tierisch wohl auf dem Anwesen. Doch wie wird man die ungebetenen Gäste wieder los?

Steinpleis.

Ingrid Becker kann die Uhr danach stellen: In jeder Nacht kurz nach 3 Uhr bekommt die 82-Jährige Besuch. Ungebetene Gäste. Eine Waschbärenfamilie, bestehend aus dem Weibchen und drei Jungtieren, macht es sich auf der Terrasse des Eigenheimes oberhalb der ehemaligen Brauerei gemütlich und hält sich bei der Suche nach etwas Fressbarem circa eine halbe Stunde auf dem Grundstück auf. Dann verschwinden die Tiere auf ihrer nächtlichen Tour auf dem Nachbargrundstück. Das Spiel wiederholt sich seit einigen Wochen Tag für Tag. Der Seniorin ist das Ganze unheimlich. "Manchmal habe ich richtige Angst und getraue mich nachts nicht mehr, das Fenster im Schlafzimmer aufzulassen. Die Bären klettern auch auf dem Baum herum, der direkt neben dem Fenster steht. Da könnten die leicht in mein Schlafzimmer gelangen", sagt sie.

Die Tiere zeigen keinerlei Scheu. Die Erfahrung hat der Sohn von Ingrid Becker gemacht, der mit seiner Familie ebenfalls im Haus wohnt, nur auf einer anderen Etage. "Die Waschbären nehmen jeden Tag den gleichen Weg. Sie kommen aus Richtung Stadtpark in Werdau. Der liegt nur ein paar Meter von unserem Grundstück entfernt. Auf der Tour legen sie kurz an einem Bach eine Pause ein, trinken etwas und kommen dann auf unser Anwesen", berichtet Carsten Becker.

Er hat sich in den zurückliegenden Tagen schon mehrfach auf die Lauer gelegt, um die unliebsamen Gäste vom Grundstück mit lautem Klatschen oder dem Schein der Taschenlampe zu vertreiben. Ohne Erfolg. "Du kannst denen Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Sie schauen dich mit großen Augen an. Allerdings darf man ihnen auch nicht zu nah kommen oder sie attackieren. Dann zeigen sie einem die Zähne, bäumen sich auf und fahren die Krallen aus." Alle Versuche, die Tiere irgendwie zu vertreiben, hatten bisher keinen Erfolg. "Offenbar gefällt es ihnen bei uns so gut, dass sie immer wieder kommen", sagt Carsten Becker. Er vermutet, dass sie vor einiger Zeit auf dem Komposthaufen etwas Fressbares fanden und sich das gemerkt haben. "Am Anfang haben wir die Waschbären auch gar nicht bemerkt. Gewöhnlich schlafen wir um die Zeit. Aber unsere Katze hat sie durch die Scheibe der geschlossenen Terrassentür wahrgenommen und sich bemerkbar gemacht, bis wir irgendwann reagiert haben."

Dass die Waschbären schon mehrfach die gesamte Terrasse mit all dem, was dort steht, in ein Schlachtfeld verwandelt und inzwischen auch den Kunststoffpool hinter dem Haus zerbissen haben, damit kann die Familie noch leben. Was sie jedoch stört, sind die Hinterlassenschaften. "Der Kot, den die Tiere bei ihrem Besuch hinterlassen, ist überall auf dem Grundstück zu finden. Das ist wirklich keine schöne Angelegenheit und auch gesundheitsgefährdend", sagt Carsten Becker. Er hat sich inzwischen hilfesuchend an den Revierförster gewandt. Ein Abschuss sei nicht möglich, da sich die Tiere in einem Wohngebiet aufhalten.

Ines Bimberg vom Sachsenforst bestätigt diese Aussage. "Waschbären unterliegen dem Jagdrecht und können ganzjährig bejagt werden. Allerdings nicht in Siedlungen und Wohngebieten. Dort können autorisierte Jäger nur Fallen aufstellen", sagt die Pressesprecherin des Staatsforstes.

Mit ihrem Problem steht die Familie aus Steinpleis nicht alleine da. Die pelzigen Allesfresser, die keine natürlichen Feinde haben, fühlen sich auch anderenorts im Landkreis wohl. "Die Tiere werden in einigen Gegenden regelrecht zur Plage. In Werdau zum Beispiel werden bereits Kammerjäger mit eingesetzt, um sie wenigstens aus den Wohngebieten zu vertreiben", sagt Sabrina Beckert, Sachbearbeiterin Jagd im Landratsamt Zwickau. Im zurückliegenden Jagdjahr wurden laut Beckert 240 Waschbären im Landkreis zur Strecke gebracht. Zum Vergleich: 2015 und 2016 waren es jeweils 170. Wobei die Dunkelziffer verendeter Tiere höher liegt, da nicht bei jedem toten Waschbär auf der Straße auch der Jagdpächter gerufen wird.

Das kann Carsten Becker bestätigen. Er hatte vor ein paar Jahren schon einmal mit einer Waschbärenfamilie Probleme und fand kurze Zeit später eines der Tiere überfahren am Straßenrand unterhalb der Siedlung. Notiz davon hatte damals kaum jemand genommen. Carsten Becker schon. Er hatte danach seine Ruhe, bis jetzt. (mit rdl)

Mit Tieren, die wie der Waschbär ursprünglich aus Übersee kommen und inzwischen auch in der Region heimisch geworden sind, wird sich der Staatsforst zum Werdauer Waldtag am 2. September befassen und informieren.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...