Wenn der Talsperrenbesuch tragisch endet

In der Geschichte des Naherholungsgebietes fanden 50 Menschen in dem Gewässer den Tod. Etliche Fälle hat der langjährige Schwimmmeister miterlebt und erinnert sich genau.

Langenhessen.

Es gibt Dinge im Berufsleben, über die spricht man nicht gern. Auch nicht nach Erreichen des Rentenalters. Bernd Steinebrunner tut es dennoch. Er war 37 Jahre lang Schwimmmeister an der Koberbachtalsperre und hat während dieser Zeit etliche Besucher vor dem Ertrinken gerettet. Wie viele das waren, hat er nicht gezählt. Doch es gab auch zahlreiche Fälle, bei denen der erfahrene Schwimmer und Profitaucher nicht helfen konnte. "In der 90-jährigen Geschichte der Talsperre gab es bisher 50 Todesfälle", sagt der heute 73-Jährige. Er weiß genau, an welchem Tag die Ereignisse passierten und kennt die Ursachen. Das betrifft auch die Unglücksfälle, die Jahre zurückliegen. "Die Informationen stammen aus eigenen Notizen, den Dienstbüchern der Schwimmmeister im Bad und den Aufzeichnungen des Staumeisters an der Talsperre", berichtet Bernd Steinebrunner.

An seinen ersten Fall kann sich der heute in Dänkritz lebende Senior noch genau erinnern. "Das war der 6. Dezember 1976. Ich saß damals mit meinen Mitarbeitern zusammen. Wir aßen gemeinsam Mittag, als plötzlich ein Lkw-Fahrer ganz aufgeregt zu uns kam und berichtete, dass er gesehen habe, wie im hinteren Bereich der Talsperre ein älterer Mann mit Mütze und einem blauen Anorak bekleidet ins Wasser ging. Ich fuhr mit dem Platzwart in einem Ruderboot sofort zu der besagten Stelle. Doch wir konnten die vermisste Person nicht finden. Wir suchten den Uferbereich nach Spuren ab und sahen plötzlich den Mann im Wasser schwimmen. Wir begaben uns zur Unglücksstelle und zogen die leblose Person aus dem Wasser. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos."


Ein besonders tragisches Ereignis, das sich am 27. April 2008 ereignete, beschäftigt Bernd Steinebrunner noch immer. Einem 39 Jahre alten Mann aus Mosel wurde an jenem Sonntagabend sein Hobby zum Verhängnis. Der Familienvater verunglückte kurz nach 18.40 Uhr mit einem Motorgleitschirm in der Talsperre tödlich. Es war ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien bis in die Abendstunden. Das Thermometer zeigte um die 20 Grad Celsius an. Ideales Flugwetter. Der Moseler und sein Bruder, beide im Ort bekannte Ärzte, begaben sich zu einer Anhöhe an der alten Bundesstraße 93, um von dort mit ihren Motorgleitschirmen abzuheben. Die Männer waren erfahrene Flieger, kannten sich in ihrem Metier aus. Sie nahmen Kurs Richtung Westen. Nachdem sie die Koberbachtalsperre überflogen hatten, drehte der jüngere kurz nach dem Vorstau um. "Plötzlich verlor er an Höhe und berührte mit den Füßen das Wasser. Dann ging alles ganz schnell. Der Mann stürzte mit seinem Gleitschirm ins Wasser. Das Fluggerät versank sofort im Wasser und zog den Piloten mit nach unten. Der Mann hatte sich in den Schnüren des Schirmes verheddert und kam daraus nicht mehr los", berichtete damals ein Augenzeuge, der das Geschehen vom Steilufer aus beobachtet hatte. Fünf Wochenendausflügler, die das Geschehen von der Liegewiese aus verfolgten, sprangen sofort ins Wasser und schwammen zum Ort des Geschehens. Ein weiterer Helfer eilte mit einem Boot zur Unglücksstelle. Bis die Retter diese letztendlich erreicht hatten, verging wertvolle Zeit. Die Helfer konnten den Verunglückten aus seiner Notlage befreien und an Land bringen. Doch die Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Der letzte Todesfall, den Bernd Steinebrunner während seiner Zeit als Schwimmmeister miterlebte, liegt zehn Jahre zurück und ereignete sich am 26. August 2009. "Eine ältere Frau kam aufgeregt zu mir an den Rettungsturm und sagte, dass sie ihren Mann vermissen würde. Als sie aus dem Wasser gekommen sei, hätte er nicht mehr auf der Bank im Bad gesessen. Er habe versprochen, nicht ins Wasser zu gehen. Ich machte ein Durchsage, ohne Erfolg. Die Frau war total aufgeregt und vermutete, ihr Mann könnte vielleicht zum Campingplatz gelaufen sein, wo der Sohn mit Familie zeltete. Eine Suchaktion begann. Gemeinsam mit der Rettungswacht fuhren wir mehrmals die Talsperre ab, Taucher unterstützten uns bei der Arbeit. Die Polizei setzte einen Hubschrauber mit Wärmebildkameras ein, alles ohne Erfolg. Zwei Tage später fanden dann Polizeitaucher den 76-jährigen Mann tot im Wasser."

Egal ob Suizid, Unfall oder ein gesundheitliches Problem die Ursachen für die negativen Ereignisse in der Geschichte der Koberbachtalsperre waren, für Bernd Steinebrunner steht fest: Jeder Todesfall ist einer zu viel.

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