Zoff um Farbgestaltung der Marienkirche

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Das größte Gotteshaus in Werdau und Wahrzeichen der Stadt ist seit Monaten eine Großbaustelle. Was das jetzige Aussehen des Kirchenschiffes betrifft, da gehen die Meinungen auseinander.

Werdau.

Für Wolfgang Dietrich ist die Marienkirche im Zentrum von Werdau sein zweites Zuhause. Der rüstige 80-Jährige kümmert sich seit mehr als 50 Jahren um alle Bauangelegenheiten in dem Gotteshaus. Errichtet wurde die Kirche1756 von einem der bedeutendsten Bauschaffenden seiner Zeit: Samuel Locke. Er war unter anderem auch am Bau der Hofkirche in Dresden beteiligt. Noch heute sind in der Landeshauptstadt zahlreiche Gebäude zu finden, die die Handschrift des Barockbaumeisters tragen. Damit die Marienkirche ein architektonisches Schmuckstück bleibt, dafür hat Wolfgang Dietrich unzählige Stunden seiner Freizeit geopfert. "Ich habe das auch all die Jahre stets gern getan. Doch momentan bin ich verärgert", sagt der Werdauer.

Der Grund: Die Marienkirche ist seit Monaten eine Großbaustelle und wird vom Boden bis zur Decke saniert. Zu den Vorhaben gehören unter anderem der Einbau einer neuen Heizung sowie die Erneuerung der Elektrik im Haus. Außerdem soll das gesamte Kirchenschiff einen neuen Farbanstrich erhalten. Was das künftige Aussehen betrifft, gehen die Meinungen jedoch auseinander. "Im Vorfeld der geplanten Arbeiten wurde durch einen von uns beauftragten Restaurator eine Probeachse in der Kirche angelegt und danach ein Konzept zum künftigen Aussehen erarbeitet. Das kam unseren Vorstellungen von einer schönen Barockfassung entgegen. Daraufhin erhielten wir auch die denkmalrechtliche Genehmigung und hätten mit den Arbeiten beginnen können", sagt Wolfgang Dietrich. Der Vorsitzende des Bauausschusses im Kirchenvorstand weiter: "Nachdem aber das Landesamt für Denkmalschutz in Dresden das Konzept noch einmal in Augenschein nahm, änderte es seine Meinung. Dort kam man zu der Auffassung, dass unser Konzept in der Gestaltung der Kirche nicht dem des Erbauers entsprach."

Nachdem die Behörde in Dresden daraufhin der Kirchgemeinde im Vorjahr die denkmalrechtliche Genehmigung entzog, wurden drei neue Restauratoren mit der Erarbeitung eines neuen Konzeptes beauftragt, welches den Vorstellungen des Denkmalschutzes wesentlich näher kam. "Das Ergebnis ist eine schlichte Fassung mit wenigen Vergoldungen. Die bis zur Sanierung vorhandenen Marmorierungen fehlen. Das Kirchenschiff ähnelt jetzt einer ausgeweißten Turnhalle. Die Wände sind lediglich noch mit einer hellgrauen Kante abgesetzt", sagt Dietrich. Für ihn ist die aktuelle Fassung eine Rolle rückwärts. Der Leiter des Bauausschusses im Kirchenvorstand kann seine Enttäuschung nicht verbergen. "Im Laufe der Jahrhunderte wurde unsere Kirche mehrmals saniert und erhielt dabei auch immer einen neuen Farbanstrich, der dem Glanz der Barockzeit immer mehr entsprach und uns auch gefiel. Die aktuelle Fassung ist eine Enttäuschung", sagt der 80-Jährige. Er wollte nicht klein beigeben und kämpfte gegen die schlichte Version an. "Unser Vorschlag, die Gestaltung nach einem Referenzbau von Samuel Locke zu übernehmen, wurde abgelehnt, weil dadurch die Grundlage für die bewilligten Fördermittel entfallen würde", so der Bauverantwortliche weiter. Eine Überarbeitung der bereits genehmigten Farbgestaltung in eine neue hätte nach Dietrichs Worten rund neun Monate gedauert, ohne die Garantie auf eine Bewilligung der Fördermittel. "Das hätte einen Baustopp, weiterlaufende Kosten und mögliche Regressansprüche zur Folge gehabt. All das können wir als Kirchenvorstand nicht verantworten." Im Umkehrschluss heißt das: Der Vorstand hat sich dem Willen des Denkmalschutzes gebeugt.

Inzwischen hat sich Dietrich mit der neuen Farbgestaltung abgefunden, kann jedoch seinen Frust weiterhin nicht verbergen. "Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass unsere Stadtkirche, die all die Jahre zu den schönsten in Sachsen gehörte, nun an barocker Qualität verliert." Er hofft dennoch, dass das Ergebnis der Sanierung nach dem Abschluss der Arbeiten im Frühjahr von den Werdauern angenommen wird und sie sich auch mit der schlichten Farbgestaltung anfreunden. Ein Wermutstropfen wird bleiben: "Manch einer der Besucher unserer Kirche wird sich bei dem Anblick der Wände fragen, wofür wir 1,8 Millionen Euro ausgegeben haben."

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