Die Kuhstall-Managerin

Frauentag 2019 Carola Hochmuth ist Landwirtin. Genauer gesagt: Herdenmanagerin. Wer seine Kühe im Griff haben will, muss die Tiere lieben und zupacken können - auch in schwierigen Momenten.

Zwickau.

Auf dem Hof gibt es nur eine einzige Arbeit, die reine Männerarbeit ist: Klauen schneiden. "Ansonsten haben wir keine Aufgabe, bei der Männer und Frauen nicht gleichermaßen anpacken", sagt Landwirtin Carola Hochmuth (52). Der Schnitt der Klauen ist anstrengend: Mit einer Flex kürzen die Landwirte dem Vieh sozusagen die Zehennägel. Das tut nicht weh. Aber das Horn ist hart, die Flex verlangt Kraft und Feingefühl gleichermaßen. Außerdem hassen Kühe den Klauenschnitt - und verärgerte Kühe können gefährlich sein. "Es ist gut, dass sie nicht wissen, wie groß und schwer sie wirklich sind", sagt Carola Hochmuth. Trotzdem: Unfälle passieren. Erst vergangene Woche hat eine Milchkuh die Landwirtin umgestoßen. Blaue Flecken gehören in diesem Beruf dazu - wer zimperlich ist, hat's schwer im Stall.

Carola Hochmuth ist bei der Mülsener Marktfrucht und Milchgut GmbH angestellt. Ihr Fachbereich: das Herdenmanagement. Sie ist verantwortlich für 440 Milchkühe. Hochmuth erledigt auch die Besamung ihrer Kühe, dafür hat sie eine Weiterbildung zur Eigenbestandsbesamerin gemacht. 1983 hat sie mit der Ausbildung zur Landwirtin begonnen, später ein Studium zur Agraringenieurin draufgepackt. Seit 1992 arbeitet sie auf dem Hof zwischen Schneppendorf und Thurm, wo sie lebt. Grüne Berufe sind längst keine Männerdomäne mehr. Im Landkreis Zwickau waren 2018 unter den 24 Prüflingen in den sogenannten Grünen Berufen zum ersten Mal mehr Frauen als Männer.

Alltag in der Landwirtschaft hat wenig mit Romantik zu tun. Auf dem Hof der Mülsener Marktfrucht und Milchgut arbeiten elf Frauen und Männer in Schichten in rollender Woche. Morgens um 6Uhr beginnt Hochmuths Arbeit. "Schluss ist, wenn ich fertig bin", sagt sie. Das kann an guten Tagen am Nachmittag sein - oder der Feierabend kommt erst nach zwölf Stunden. "Man kann keine Landwirtin sein, wenn man den Beruf nicht mit Herzblut macht", sagt Hochmuth. Dazu gehört auch, dass sie nach Feierabend noch mal auf den Hof kommt, wenn etwas nicht stimmt. Ihre Herde, ihre Verantwortung.

Hochmuth ist den Weg in die Landwirtschaft zielstrebig gegangen. Für ihre Eltern war die Entscheidung in den 1980er-Jahren ein Schock. Die Mutter Schneidermeisterin, der Vater Ingenieur, "sie haben sich vorgestellt, dass ich etwas am Reißbrett mache", sagt Hochmuth und schüttelt lachend den Kopf - so, als komme ihr diese Vorstellung absurd vor. Das Interesse an der Landwirtschaft hat sie schon als Kind auf dem Hof der Familie einer guten Freundin entdeckt. Es waren die Tiere, die sie damals begeisterten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn Carola Hochmuth ihre Kälber zeigt, lächelt sie viel und erklärt gern. Die ganz kleinen tragen Mäntel, damit ihnen nicht kalt wird. Den etwas größeren wurden kürzlich die Hörner entfernt, damit sie sich später im Stall nicht gegenseitig verletzen. "Auch nach 36 Jahren freue ich mich über jedes Baby", sagt Hochmuth, während sie an den Plastik-Iglus vorbeigeht, in denen die Kälber schlafen, ihre "kleinen Lacknasen", so nennt sie den Nachwuchs. Ihre Ehe ist kinderlos geblieben - Hochmuth steckt umso mehr Energie in ihre tierischen Babys.

Vielleicht, sagt sie, gibt es doch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Die meisten Männer sind gern auf dem Feld, die meisten Frauen gern im Stall. Auch dann, wenn sich dort Tragödien abspielen. Nicht jedes Kalb kommt problemlos zur Welt. Manche müssen per Kaiserschnitt geholt werden, der Tierarzt schneidet die Kuh im Stehen an der Seite auf. Seltener kommt es vor, dass Kälber im Leib der Mutter vor der Geburt sterben. Damit die Kuh das tote Kalb nicht gebären muss, kann der Tierarzt es aus der Gebärmutter entfernen. Das ist eine komplizierte - und brutale - Methode. Denn das Kalb wird vorher mit einem Draht zerstückelt, damit der Arzt es möglichst leicht aus der Mutterkuh herausbekommt. Das sind die harten Tage im Leben der Herdenmanagerin. Aber: Zimperlich war Carola Hochmuth sowieso nie.

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