Hilferuf aus Kanada: "Finden Sie das Grab meines Vaters!"

Die Bitte eines polnischen Juden 72 Jahre nach seiner Fahrt im Todeszug durch das Erzgebirge scheint kaum erfüllbar zu sein. Christine Schmidt aus Breitenbrunn versucht es trotzdem. Die Spur führt nach Schwarzenberg.

Aue/Schwarzenberg.

Gibt es am Bahnhof in Schwarzenberg ein unentdecktes Grab aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges? Recherchen von Christine Schmidt (60) aus Breitenbrunn legen diese Vermutung nahe. Es könnte sich um einen Bombentrichter handeln, in dem am 14. April 1945 tote Zwangsarbeiter verscharrt worden sind.

Noch vor einer Woche glaubte die Forscherin, das Grab auf dem Georgenfriedhof in der Großen Kreisstadt lokalisiert zu haben. Dann jedoch warf eine Zeitzeugenaussage ein neues Licht auf die bekannten Fakten. "Die Suche ist noch nicht zu Ende", sagt Schmidt. "Aber ich hoffe, dass wir das Rätsel lösen können."

Für sie hatte diese Geschichte im Juni begonnen, mit einer E-Mail aus Flößberg, einem Ortsteil von Frohburg bei Leipzig. Ab Dezember 1944 gab es dort ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Häftlinge aus 22 europäischen Ländern mussten in Flößberg Panzerfäuste für die Wehrmacht bauen. Hunderte der Zwangsarbeiter fanden den Tod.

Nun bat der örtliche Geschichtsverein Schmidt um Hilfe für einen Überlebenden: Moniek Drukier (88), einen polnischen Juden, der nach dem Krieg nach Kanada übersiedelte. Dort änderte er seinen Vornamen in Manny, doch vergessen kann er nicht. Denn obwohl er davonkam: Sein Vater Gavriel starb während des Bahntransports, mit dem die Häftlinge im April 1945 ins KZ Mauthausen (Österreich) verlegt wurden. Manny Drukiers Bitte an die Menschen im neuen Deutschland: "Finden Sie das Grab meines Vaters!"

Christine Schmidt hat sich bei der Rekonstruktion der Todesmärsche, die damals durch das Erzgebirge zogen, einen Namen gemacht. Durch ihre ehrenamtliche Arbeit konnte sie das Schicksal mehrerer Häftlinge aufklären und den Hinterbliebenen helfen, Gewissheit zu erlangen.

Die Bitte von Manny Drukier aber schien kaum erfüllbar zu sein. "Über Bahntransporte aus der damaligen Zeit gibt es keine Aufzeichnungen", sagt Schmidt. "Züge wurden mit den Waggons zusammengestellt, die gerade greifbar waren, Fahrpläne improvisiert. Das war kein geregelter Verkehr." Der Ausbau der Bahnstrecken ließ allerdings nur einen Transport von Flößberg nach Chemnitz zu. Von dort muss der Zug über Aue und Schwarzenberg nach Süden gefahren sein. "Das ergibt sich aus dem Verlauf der Fronten", sagt Schmidt. Eine Chance schimmerte auf.

Manny Drukier fuhr nicht im selben Waggon wie sein Vater. Wer unterwegs an Entkräftung starb, wurde bei einem Zwischenstopp aus den Wagen geworfen und am Rande der Strecke verscharrt. Manny bekam nicht mit, wie seinen Vater, der mit sowjetischen Kriegsgefangenen eingepfercht war, dieses Schicksal ereilte. In der Tschechoslowakei geriet der Zug in einen Tieffliegerangriff. Die SS-Wachen ließen die Häftlinge aussteigen, um den Piloten zu zeigen, dass sie keinen Militärtransport vor sich hatten. Manny lief zum Waggon seines Vaters. "Er ist gestorben", sagten ihm die Russen.

"Wann?", fragte Manny.

"Zehn Tage nach dem Ende des Passah-Festes."

Das wäre am 14. April gewesen.

Einen Tag zuvor war der Zug in Flößberg losgefahren. In dieser Zeit konnte er bis Schwarzenberg gekommen sein. Doch warum nicht Aue oder Johanngeorgenstadt? Schmidt: "Einer der Häftlinge sagte, dass Mannys toter Vater in einem Ort namens Schwarzenburg aus dem Waggon geschafft worden ist."

Schwarzenburg ... Schwarzenberg. Die Spur wurde heiß. Aber gab es im Bereich des Bahnhofs jemals ein Häftlingsgrab? Lenore Lobeck, die seit Jahren zu verschiedenen Themen der Geschichte ihrer Heimatstadt forscht, konnte ihrer Kollegin mit Dokumenten weiterhelfen. Aus denen geht hervor, dass die sowjetische Besatzungsmacht 1947 ein Grab, in dem sowjetische Bürger lagen, vom Bahnhof auf den Georgenfriedhof umsetzen ließ. Der Todesfall Gavriel Drukier schien aufgeklärt. Er war zwar Pole, aber da er im selben Waggon wie die sowjetischen Gefangenen fuhr, konnte er als Sowjet angesehen worden sein.

Ende voriger Woche dann aber der Rückschlag: "Zwei Zeitzeugen erzählten, dass in dem Grab am Bahnhof ein einzelner russischer Soldat bestattet lag, der direkt nach dem Krieg bei einem Schießunfall ums Leben gekommen war", sagt die Forscherin. Deshalb geht die Suche weiter - mit einer neuen Spur: Am 13. April gab es einen Bombenangriff auf den Schwarzenberger Bahnhof. Sollte dabei ein Granattrichter entstanden sein, könnten die toten Häftlinge tags darauf vielleicht dort verscharrt worden sein.

Zeitzeugen die etwas über den Vorfall am 14. April 1945 am Bahnhof Schwarzenberg oder über ein Grab aus der Nachkriegszeit in Bahnhofsnähe wissen, können sich bei Christine Schmidt melden. Postanschrift: Christine Schmidt, Hauptstraße 150 in 08359 Breitenbrunn. E-Mail: ch.schmidt56@gmx.de.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...