Neues Aue-Stadion: Glück auf, die Zukunft kommt

Der FC Erzgebirge Aue spielt am Sonntag erstmals im fertiggestellten Stadion. Die neue Arena ist für den Fußballverein ein Meilenstein auf dem Weg von der Betriebssportgemeinschaft zum modernen Proficlub. Vergessen wollen Fans und Führung des FCE ihre Wurzeln nicht. Im neuen Stadion wird der Spagat deutlich.

Aue.

Wenn am Sonntag das Steigerlied aus den Boxen dröhnt, öffnet sich im Lößnitztal das Mundloch. Hinter dem Tor wartet aber kein Schacht, sondern ein penibel gepflegter Rollrasen in einem neuen Stadion. Elf Fußballprofis, mit einem Gehalt, von dem Hauer und Steiger im Erzgebirge niemals zu träumen wagten, sollen im Trikot des FC Erzgebirge Aue die Bergbautugenden in 90 Minuten Fußball aufleben lassen. Mehr als ein Vierteljahrhundert nachdem der Bergbau in der Region seine letzte Schicht im Schacht erlebt hat.

Nichts macht den Wandel des Fußballvereins von der Betriebssportgemeinschaft zum modernen Zweitligisten mit einem Jahresbudget von rund 15 Millionen Euro so deutlich wie das neue Stadion. Am Sonntagmittag werden die Veilchen erstmals in der nahezu komplett fertiggestellten Arena auflaufen. Einzig ein Tribünenblock bleibt während der Heimpartie gegen Eintracht Braunschweig wegen Restarbeiten noch gesperrt. Nach etwa 26 Monaten Bauzeit wird heute die Spielstätte offiziell an den FCE übergeben. "Ein Meilenstein. Jetzt sind wir endgültig in der 2. Bundesliga angekommen", sagt FCE-Präsident Helge Leonhardt. "Man schaut nun nicht mehr von oben auf Aue herab, sondern umgekehrt."

Der 59-Jährige verweist auf die gesamte Infrastruktur, die auch rund um das Stadion verbessert wurde. "In meiner jetzt zurückliegenden dreieinhalbjährigen Amtszeit sind Stadion, Nachwuchsleistungszentrum und das Vereinsheim neu entstanden - gleich an der ebenfalls renovierten Geschäftsstelle, den Trainingsplätzen und der Turnhalle. Wir haben alles auf einem Gelände. Das können die wenigsten Bundesligaclubs von sich behaupten", so Leonhardt. "Die Infrastruktur ist eine wesentliche Grundlage für den sportlichen Erfolg. Du kannst die Formel 1 auch erst gewinnen, wenn du einen Ferrari hast - und dann brauchst du die richtigen Fahrer dazu."

Im beschaulichen Erzgebirge kommen solche Ansagen nicht bei jedem gut an. Das bekam Leonhardt nach einigen seiner Vorstöße zu spüren - wie 2016 nach dem Vorschlag, das Wappen des FCE zu ändern. Oder Ende vergangenen Jahres, als er in einem Interview mit dem Gedanken spielte, man könne zu gegebener Zeit die Profiabteilung aus dem Verein ausgliedern und in eine Kapitalgesellschaft überführen. Über die Kommerzialisierung wird wie bei vielen Traditionsvereinen emotional gestritten. Zum Thema Stadionbau herrscht Einigkeit.

"Was in nur zwei Jahren fertiggestellt wurde, finde ich grandios", sagt Frank Steinbach. Der 53 Jahre alte Fan aus Grünhain geht seit 1971 zu den Spielen der Veilchen, gehört beim 1996 gegründeten Fanprojekt zu den Leuten der ersten Stunde. "Ich freue mich auf das neue Stadion. Ich hätte nicht gedacht, dass es so klasse wird. Aber es ist natürlich auch ein bisschen Wehmut dabei. Schließlich war die alte Arena 45 Jahre lang so etwas wie mein Wohnzimmer." Holger Erler, mit 359 Punktspielen für die BSG Rekordhalter bei den Veilchen, erinnert sich ebenfalls gern an das einstige Otto-Grotewohl-Stadion zurück. "Als wir früher durch die Zuschauermassen die große Treppe in unser Stadion hinuntergelaufen sind, das war schon Gänsehaut pur", erzählt die 67 Jahre alte Wismut-Legende, die inzwischen im Auer Stadtrat sitzt. "Wenn ich allerdings das Schmuckstück jetzt sehe: Da sitzen die Zuschauer fast hautnah dran - wie in England."

Helge Leonhardt blickt in seinem Geschäftsstellenbüro direkt auf ein großes Panoramabild des alten Runds. Flach ansteigende Tribünen, teilweise nicht überdacht, eine Tartanbahn rund um das Spielfeld - "Old Otto" sah so aus wie so viele Stadien, die bis in den 1980er-Jahren in Deutschland gebaut wurden. "Ich vermisse es eigentlich nicht", sagt er. "Auch das in den 1950er-Jahren durch Wismutkumpel und sowjetische Soldaten errichtete Stadion hatte seinen Charme. Charme ist der Mythos des Erlebten, des Erfolgs von einst. Ich bin selber bei unseren Aufstiegen über den Rasen gerannt. Aber keiner wollte mehr auf die alten Toiletten gehen." Entscheidend ist für Leonhardt, dass der Standort der gleiche geblieben ist. "Wir sind weiter im Kessel. Das erhält den Charme. Wären wir direkt an die Autobahn auf die grüne Wiese gezogen, wären das erst einmal kalte Mauern. Wir bleiben im Schacht, haben einfach ein neues Stadion."

Ränge, die wenige Meter hinter den Außenlinien steil nach oben führen, komplett überdacht, ein dank großer Glasflächen lichtdurchflutetes Hauptgebäude mit großzügigen VIP-Räumen - das neue Erzgebirgsstadion unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von anderen modernen Fußballtempeln. Doch nicht nur der einem Mundloch nachempfundene Spielertunnel erinnert an die Bergbautradition. Auch die großen Zugänge zu den Tribünen sollen Fans das Gefühl geben, sie fahren in den Schacht ein.

Selbst bei den jungen Anhängern, die die Bergbauzeiten nur noch aus den Geschichten ihrer Eltern oder Großeltern kennen, spielt die Tradition eine große Rolle. So sammelten Anhänger Spenden für einen historischen Bergbauverein, der dringend Geld benötigte. "Aus meiner Sicht spielt der FC Erzgebirge schon eine ganz besondere Rolle für die Region, er wirkt vor allem identitätsstiftend", sagt Heinrich Kohl, Oberbürgermeister von Aue und Aufsichtsratsmitglied des FCE.

Ein Fußballverein als Aushängeschild - nach innen und außen. Mit diesen emotionalen Werten begründeten die Kreisräte des Landkreises im Juni 2015 auch, warum sie dem Umbau zustimmten. Schließlich ist der Kreis Eigentümer, trägt den Großteil der Baukosten in Höhe von 19,8 Millionen Euro. Die Stadt Aue und der Verein beteiligen sich mit 5,8 Prozent. Das macht ungefähr 1,15 Millionen Euro, die der Verein unter anderem durch das offizielle Eröffnungsspiel im Sommer gegen Schalke 04 einnehmen will. Der FCE ist wie schon vor dem Umbau Pächter, zahlt als Zweitligist jährlich 350.000 Euro, beim Abstieg in die Dritte Liga wären es 250.000 Euro. Der Landkreis überweist im Gegenzug jährlich 100.000 Euro Betriebskostenzuschuss. Ein identitätsstiftendes Aushängeschild kostet Geld.

Der FC Erzgebirge ist schuldenfrei. Eine im Profifußball bemerkenswerte Leistung. Sich das Stadion selbst zu finanzieren, ist unmöglich. Wirtschaftlich rangiert der FCE in der 2. Bundesliga im unteren Tabellendrittel. Ein Beispiel: In der Saison 2016/17 erwirtschaftete der Club 13,8 Millionen Euro, der Ligadurchschnitt lag bei mehr als 34 Millionen. Und ein finanzieller Nachteil bedeutet automatisch, dass es schwerer ist, gute Spieler zu verpflichten und die eigenen Leistungsträger zu halten.

Zumal die Schere zwischen klammen und potenten Clubs innerhalb des Profifußballbereichs weiter auseinandergeht. "Wenn ich höre, welche Transfersummen und Gehälter bei internationalen Topclubs aufgerufen werden, schlackern mir die Ohren", sagt Martin Männel. Der Torhüter und Kapitän spielt seit knapp zehn Jahren für Aue. "Hier verdienen wir nicht so viel, dass wir uns nach unserer Karriere auf die faule Haut legen können. Im Zweitligavergleich bewegen wir uns ebenfalls am unteren Level. Wir werden ohne Zweifel sehr gut bezahlt, arbeiten aber auch hart dafür."

In den Augen des derzeit dienstältesten FCE-Profis gelingt es dem Verein, seine Wurzeln und das Moderne zu verbinden. "Der Wandel ist spürbar. Wir sind aber weit davon entfernt, in Richtung totale Kommerzialisierung zu steuern", sagt der gebürtige Hennigsdorfer und zeigt in der Geschäftsstelle lachend auf eine Lieferung Fanartikel. "Es werden nicht nur Wegwerfartikel verkauft, auf die einfach das Wappen gedruckt wurde, sondern eben auch ein Gartenzwerg am Förderturm." Die Veilchen versuchen den Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Und der moderne Fußball ist vor allem eins: ein Geschäft. Auch im Erzgebirge. "Entweder wir wollen Profifußball - oder nicht", so Leonhardt. "Wir müssen uns den Gegebenheiten des Marktes stellen. Wenn wir das nicht machen, spielen wir keine Rolle und verschwinden von der Bildfläche des Profifußballs. Das bedeutet ja nicht, dass wir die Tradition oder die Kommunikation mit unseren Fans vernachlässigen. Gerade das zeichnet uns ja aus."

Sollte der FC Erzgebirge am Sonntag gewinnen, werden sich die Profis nach Abpfiff vor die Stehplatztribüne in eine Reihe knien. Egal, ob sie in Stuttgart, Bochum oder Kroatien geboren sind, feiern sie, die Arme vor der Brust gekreuzt - wie Schlägel und Eisen im alten Wappen der Betriebssportgemeinschaft Wismut Aue. Keiner von ihnen wird wirklich wissen, wie es ist, in den Schacht einzufahren. Sollten sie aber nur ansatzweise verstanden haben, was die Bergbautradition den Menschen auf den Rängen des neuen Erzgebirgsstadions bedeutet, dann hat der FC Erzgebirge wohl mehr gewonnen als ein Spiel auf einem Rollrasen.

Zwei Jahre Fußball auf der Baustelle, neue Atmosphäre, ein Unglück

Aufstiegsfeier mitten im Umbau: Beschlossen wird der Umbau des Erzgebirgsstadions am 17. Juni 2015 im Kreistag. Sportlich ist der FC Erzgebirge gerade in die Dritte Liga abgestiegen. Die Entscheidung wird zu einem Zeitpunkt gefällt, als der Verein ohne Cheftrainer und Team dasteht. Am 11. Dezember 2015 gehen die Bauarbeiten offiziell los. Insgesamt zwei Jahre spielen die Veilchen auf der Baustelle. Mit Erfolg: Ein halbes Jahr nach dem Baustart wird der direkte Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga bejubelt, eine Saison später der Klassenerhalt.

Fankurve ist als erster Teil fertig: Im Sommer 2016 wird die Westtribüne (Foto) als neue Heimat der stehenden Anhängerschaft eingeweiht. "Im alten Stadion war die räumliche Distanz zu den Fans größer. Da ging akustisch etwas verloren", erklärt Torhüter Martin Männel. "Durch die steilen Ränge gleich am Spielfeld und das geschlossene Dach ist es auf dem Feld vor dieser Tribüne extrem laut." Im Sommer 2017 öffnet die Haupttribüne, die gleichzeitig Funktionsgebäude mit den VIP-Sälen und den Kabinen ist. Letzter Teil ist die Südtribüne an der Gegengeraden.

Tribünensturz: Am 26. Februar 2017 stürzt der Polizei-Vizepräsident von Görlitz, Klaus Mehlberg, in der Halbzeitpause des Derbys gegen Dynamo Dresden von einer Tribüne.
Einige Wochen später stirbt er an den erlittenen Kopfverletzungen. Warum Mehlberg fiel und weshalb er sich in seiner Freizeit in einem Baustellenbereich (Foto) aufhielt, zu dem nur Polizisten im Dienst Zugang haben sollten, ist ungeklärt. Und wird es wohl auch bleiben. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz stellt im August ihre wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt laufenden Ermittlungen ein.

Stadion in Zahlen: Kosten: 19,8 Millionen Euro. Kapazität: 16.080 (8938 Sitzplätze, 7142 Stehplätze). Bauzeit: 26 Monate. Maße: etwa 168 m x 137 m x 16,5 m. Beteiligte Firmen: 25, davon 9 aus dem Erzgebirgskreis. Lila Sitzschalen: 3440. Weiße Sitzschalen: 4436. VIP-Sitze: 756. Premium-VIP-Plätze: 242. Dach: 60 Stahlträger und 8620 m² Stahltrapezblech. Anzahl der Toiletten: 333 inklusive Plätze an Pissoirs. Leuchtkörper: 56 an Masten, 48 am Dach. Anzeigetafel: 2 Videowände, je 28 m². Lautsprecher: 36 am Dach, zusätzliche im Promenadenbereich und im Hauptgebäude.

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