Grenzübertritt löst Gänsehaut aus

Eine zehnköpfige Delegation mit Lehrerinnen und Lehrern aus Betlehem und Palästina weilt derzeit in Sachsen. Der Konflikt in der Heimat lässt sie auch hier nicht los - und berührt bisweilen zutiefst.

Schneeberg.

Keine Schranken, keine Beamten, keine Passkontrolle: Es ist ein Spaziergang ins Nachbarland gewesen. Allein der Gedanke an die entspannte Stippvisite nach Polen löst bei Elias noch einmal Gänsehaut aus. "Unglaublich", sagt der gestandene Mann und Lehrer sichtlich gerührt. Er unterrichtet am evangelischen Schulzentrum Talitha Kumi in Bethlehem. "Bei uns ist es undenkbar, einfach über Grenzen zu gehen", sagt er mit Blick auf den Nahostkonflikt, der das Heilige Land - heute Israel, Palästina und Jordanien - spaltet.

Zehn Lehrerinnen und Lehrer des Schulzentrums besuchen derzeit Sachsen und Schneeberg. Elias ist einer von ihnen. Seinen und die Nachnamen der anderen nennt keiner. Zu groß die Angst vor Repressionen in der Heimat. Das Leben in Palästina und Bethlehem - es ist kein einfaches. Schneebergs Pfarrer Frank Meinel, der die Delegation betreut, weiß das. Schon 14-mal war er im Heiligen Land, die nächste Fahrt ist geplant. "Talitha Kumi gilt als größte und bedeutendste Auslandsschule im Nahen Osten", sagt er. Träger ist das Berliner Missionswerk, das mit der evangelischen Schulstiftung Sachsen den Besuch der Gruppe ermöglicht hat. "Es ist ein straffes Programm", so Meinel. Und eines, das die Frauen und Männer - sie verständigen sich mit fließendem Englisch - beeindruckt. Nachdem sie an verschiedenen evangelischen Schulen einige Tage hospitierten, folgten ein Ausflug nach Wittenberg zu Stätten der Reformation und ein Kurs in Schneeberg zum Thema Friedensarbeit. Letztere leisten sie an der Schule in Bethlehem täglich. 1000 Kinder und Jugendliche - Christen und Muslime - besuchen das Zentrum an der Grenze zwischen Bethlehem und Jerusalem. Von Kita über Real- und Berufsschule bis Abitur reicht das Bildungsspektrum. Meinel: "Politik bleibt außen vor - es ist ein Platz des Friedens, der Toleranz."

Das hinauszutragen, um in den Köpfen der nächsten Generationen etwas zu bewirken, um den Konflikt zu lösen - es ist die Hoffnung aller. Nach dem Gottesdienst gestern in Schneeberg und der Dresden-Fahrt heute folgt morgen ein Besuch des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, wo es um den Fall der Mauer geht. "Das interessiert alle sehr." Denn sie wünschen sich nichts mehr, als den Fall von Mauern auch in ihrer Heimat. Braucht Meinel acht Stunden von daheim bis nach Betlehem, ist die Gruppe für ihren Heimweg ab Mittwoch 36 Stunden unterwegs - auf dem Flughafen in Tel Aviv in Israel dürfen sie nicht landen, müssen einen weiten Umweg machen. Doch das war es ihnen wert, sagt Lehrerin Ghada. Sie habe sich super aufgenommen gefühlt. Und viel gelernt. "Vor allem im Umgang mit den Schülern. Da schauten wir uns Lehrmethoden ab." Kaum fassbar sei es, wie viel sie gesehen haben. Und vom Grenzübertritt nach Polen nahe Pirna hat Elias gleich mehrere Beweisfotos auf dem Handy. "Der Tag, an dem das auch bei uns möglich ist, kommt. Das ist unsere Hoffnung", sagt er. Noch sieht die Realität anders aus. "Aber wir dürfen nicht aufgeben, an bessere Zeiten zu glauben", sagt Meinel.

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