Bewerbung wider das Kirchturmdenken

Chemnitz möchte 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden. Und zwar gemeinsam mit der gesamten Region. Verbindungen gibt es viele - insbesondere die Straßenbahn.

Chemnitz/Stollberg.

Wer die Kulturmanagern Ferenc Csák und Christoph Thoma zuhört, dem kann es passieren, sich bereits im Jahre 2025 zu wähnen: Chemnitz ist Europäische Kulturhauptstadt und feiert mit der gesamten Region und Gästen aus aller Welt ein Jahr voller Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen. Die Stadt der Moderne ist dann nicht nur das kulturelle Zentrum, sondern auch Ausgangspunkt für Ausflüge nach Oelsnitz, Stollberger, Flöha, Hainichen und die anderen Kommunen entlang des Chemnitzer Modells, des laut Csák fortschrittlichsten Mobilitätskonzepts in den neuen Bundesländern.

Soweit ist es noch nicht. Doch die beiden Kulturmanager sind mit ihrem Team schon mitten drin im Kulturhauptstadt-Räderwerk. Kein Wunder, denn im Herbst 2019 muss die Bewerbung stehen. "Wir möchten eine Kulturregion mit 750.000 Menschen entlang des Chemnitzer Modells schaffen", sagt Kulturbetriebsleiter Csák. Wohlwissend, dass es dazu eine Menge an Kirchturmdenken abzubauen gilt. Doch der Ungar ist davon überzeugt, eine flächendeckende Vernetzung aufbauen zu können. Als Vorbild gilt die ehemalige Europäische Kulturhauptstadt Aarhus, wo das vorzüglich gelungen sei. Im Blick hat er die 22 Kommunen des Chemnitzer Modells mit Freiberg, Zwickau, Zschopau und Augustusburg als Satelliten. Das Straßenbahnnetz des Chemnitzer Modell spielt eine zentrale Rolle in der Bewerbung. Das Ruhrgebiet zeige, welches Potenzial ein ÖPNV-Netz habe.

Zurzeit bereisen Csák und Thoma die Region und sprechen mit den Bürgermeistern. "Wir sind an vielen Orten auf Menschen gestoßen, die ihre Stadt neu definieren wollen", sagt Csák und stellt gleich eines klar: "Bei der Kulturhauptstadt geht es nicht allein um Kunst und Musik." Vielmehr geht es um Lebensräume, neue Arbeitsformen und eine gemeinsame Identität. Dies mit einem Entwicklungskonzept gemeinsam zu schaffen, ist das Ziel. Ein Ziel, für das es sich auch zu arbeiten lohnt, sollte Chemnitz schlussendlich nicht den Zuschlag bekommen. Denn das gesamte Vorhaben ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt, sodass die Region allemal profitieren wird.

Es geht den Machern auch nicht allein darum, bestehende Kulturorte besonders zu promoten. Es sollen öffentliche Plätze gestaltet und mit Kunst bespielt werden. Residenzprojekte durchgeführt werden. Aber auch Schul- und Bildungsprojekte sind Thema. Es geht zudem um Verbindungen, etwa zwischen dem Kaßberg und Stollberg mit ihren Gefängnissen. Essen werden als verbindendes Element dienen. Jeder Ort habe einen Schornstein und daran hingen Geschichten und Arbeitsplätze. Das solle vernetzt werden. "Ein großes Thema wird Baumwolle sein", verrät Christoph Thoma. Baumwolle als Triebfeder der hiesigen Industrie. Sie sei somit identitätsstiftend. "Übrigens: Die Baumwolle ist über die Balkanroute hierhin gekommen", betont Thoma. Diese habe heute zwar keinen besonders guten Ruf, habe aber einst den Wohlstand in die Region gebracht. Das werde ausgearbeitet. Und da wirkt die Kulturhauptstadt auch auf den Dörfern, wohl zahlreiche ehrenamtliche Chronisten die Geschichte zusammengetragen haben. Auch solche Schätze gelte es zu heben.

"Ich erlebe eine Region im Aufbruch", sagt Csák und sieht darin eine große Chance. Er bemüht ein weiteres Beispiel: 1990 habe Glasgow mit dem Image einer dreckigen Arbeiterstadt den Zuschlag bekommen. In der Region Chemnitz wimmele es vor alten Industriegebäuden, die nach und nach mit neuem Leben gefüllt würden. Oder abgerissen, wie das Oelsnitzer Viadukt. "Die Menschen sollen sich mit einem Fest verabschieden und Erinnerungen aufleben lassen", sagt Csák und stellt einen Tag des Viadukts in Aussicht. Denn die Region verfüge über viele solcher Brücken. Auch das ist für Csák Kulturhauptstadt. Tief verwurzelt im Kulturhauptstadtvorhaben ist der europäische Gedanke. "Wir wollen das Bewusstsein dafür schärfen, woher unser Wohlstand kommt: aus dem Haus Europa", sagt Thoma. Csák und Thoma sind von ihrem Projekt überzeugt. Doch ihr Feuer muss auf die Menschen überspringen, sonst sind die Chancen erfahrungsgemäß gering. "Daher werden wir die Bevölkerung einbeziehen", verspricht Csák. Einen Aufruf, sich mit Mikroprojekten einzubringen, gibt es bereits.


Bürgermeister unterstützen Chemnitzer Bemühungen

Marcel Schmidt, Oberbürgermeister von Stollberg: "Ich habe den Herren Csák und Thoma erklärt, dass die Stadt Stollberg das Projekt schon deshalb unterstützen wird, weil es endlich Zeit wird, dass die Stadt Chemnitz und Umland sich zumindest zusammen finden und sich auf ein gemeinsames Ziel einigen wollen. Außerhalb unserer eigenen Kirchtürme werden wir nur als Region wahrgenommen."

Bernd Birkigt, Bürgermeister von Oelsnitz: "Ich finde es weitsichtig, bereits jetzt mit der Gewinnung von Projektpartnern und der Entwicklung von Programmideen von unten zu beginnen. Vielleicht ergeben sich ja Ideen und Chancen, mit dem Kulturhauptstadtprojekt bisher kaum vermutete Projekte anzugehen, denken wir an die Hallen hinter dem Bergbaumuseum. Als Teil einer Kulturhauptstadtregion sehe ich sehr gute Chancen, urbanes Leben mit vielen Facetten in die Umlandgemeinden zu holen."

Dirk Neubauer, Bürgermeister von Augustusburg: "Spinnrunden haben sehr viel Schönes, weil frei gedacht wird. Davon können wir nur profitieren. Unser Projekt "diStadt", das in Augustusburg ein attraktives digitales Arbeitsumfeld schaffen möchte, ist da eine schöne Brücke. Mit der Kulturhauptstadt können wir Hoffnung säen, dass junge Leute nicht wegziehen müssen." (bjost)

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