Kunstwerke vom Esstisch

Im Gelenauer Depot Pohl-Ströher sind derzeit Werke von Hermann Haase zu sehen. Sein Sohn und zwei Enkelinnen erinnern sich.

Gelenau.

Sonderausstellungen sind seit Jahren Bestandteil der Oster-, Sommer- und Weihnachtsschauen im Gelenauer Depot Pohl-Ströher in Gelenau. "Wir wollen mit umfangreichen Leihgaben auf das Schaffen einzelner Künstler aufmerksam machen", erklärt Michael Schuster das Anliegen.

Für die aktuelle Weihnachtsschau musste der Depotleiter dafür keine langen Wege in Kauf nehmen. In der Weihnachtsstube sind Arbeiten von Hermann Haase ausgestellt, der 1897 im benachbarten Auerbach geboren wurde, mit sieben Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs und nach der Volksschule Strumpfwirker gelernt hatte. Ab 1920 griff er regelmäßig zu Stemmeisen und Messer und fand mit einfachen Dorfszenen, der Darstellung arbeitender Menschen und verspielter Kinder, Dorffestlichkeiten und kleiner Begebenheiten schon bald seine eigene Handschrift.

"Leider ist davon nicht mehr all zu viel in Familienbesitz geblieben", bedauert Caroline Oehme den Verkauf der meisten Arbeiten und freut sich um so mehr über die rund einen Meter große Pyramide, die Opa Hermann seiner Enkelin schon während ihrer Entstehung versprochen hatte. "Mit meinen Schwestern Doreen und Denise habe ich zugeschaut und mir die kleinen Geschichten angehört, die er die lindenhölzernen Figuren erzählen lässt", erinnert sie sich. Eine richtige Werkstatt habe ihr Opa nie gehabt. "Alles fand am Esstisch in der kaum 20 Quadratmeter großen Wohnküche unserer Großeltern statt." Auf drei Etagen sind Winterszenen zu sehen, zieht Knecht Ruprecht mit dem mit Geschenken beladenen Schlitten seine Bahn, zwei alte Leute holen sich guter Dinge den Weihnachtsbaum aus dem Wald, und Kinder haben trotz Mahnung der Erwachsenen die Dorfstraße zu ihrer Rodelbahn gemacht.

Ein zweiteiliger Heimatberg setzt die Winterlandschaft mit Miniaturschnitzereien fort. Er ist das Geschenk an Enkeltochter Doreen Loos, und die geschnitzte Krippe gleich daneben hatte der 1988 in seinem Heimatort verstorbene Schnitzer schon zu Lebzeiten Enkelin Denise zugesichert.

Ein mechanischer Winterberg bildet den Hauptteil der Exponate. Er entstand vermutlich zwischen 1930 und 1940. "Ein kompletter Berg ist es jedoch nie gewesen", weiß Siegfried Haase und zeigt auf die kleinen Häuschen und geschnitzten Figuren seines Vaters, die später seine Modellbahnanlage schmückten und während seiner Armeezeit vermutlich in Richtung Berchtesgadener Land verschwanden. Empfänger könnte Hans Thierfelder gewesen sein. Der Förderer und Chef seines Vaters war letzter Besitzer der Arwa Strumpfwerke in Auerbach und startete nach der Enteignung 1948 in Westdeutschland einen betrieblichen Neuanfang.

Doch wer den beweglichen Winterberg gebaut hat, weiß auch Siegfried Haase nicht. "Ich habe meinen Augen kaum getraut, als mir Claus Leichsenring Fotografien von meinen 'Modellbahnhäuschen' gezeigt hatte", berichtet der heute 69-Jährige. Dem Heimatforscher und anerkannten Experten erzgebirgischer Volkskunst waren die Arbeiten von Hermann Haase auf der verschneiten Erzgebirgslandschaft Anfang der 1990er-Jahre bei einem Sammler im Vogtland aufgefallen. Über seine Herkunft wollte dieser jedoch nicht sprechen. Einige Figuren wurden von einem anderen Schnitzer ergänzt und dabei der väterliche Stil kopiert, verweist Siegfried Haase auf die Szene der Heiligen Nacht mit Josef als Bergmann statt Zimmerer und die Gabenbringer Bäcker, Kloß- und Waschfrau statt der Heiligen Drei Könige. 2006 fanden Berg und Figuren in die Sammlung von Erika Pohl-Ströher und damit ins Erzgebirge zurück.

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