Chorstunde hinter Gittern

Eine Kantorin aus Mittweida leitet den Chor im Chemnitzer Frauengefängnis. Die "Freie Presse" hat die Kirchenmusikerin bei einer dieser Proben in der JVA begleitet.

Mittweida/Chemnitz.

In der vierten Etage wird umgeräumt. Tische an den Rand, Stühle daneben aufeinander gestapelt, andere mitten im Raum im Halbkreis aufgestellt. Zweimal im Monat wird im Chemnitzer Frauengefängnis freitags gesungen. Frauen, die Haftstrafen von einigen Monaten oder mehreren Jahren verbüßen, sitzen pünktlich 5 Uhr nachmittags vor Christiane Sander, eine Mappe mit Liedtexten in der Hand. Seit einigen Jahren leitet die Mittweidaer Kantorin den Chor der Justizvollzugsanstalt. Ein Projekt, das die Kirchenmusikerin immer wieder aufs Neue fordert.

"Der Chor ist eine zusammengewürfelte Gruppe, und jede Frau hat eine eigene, besondere Geschichte", sagt Christiane Sander. Neun Frauen sind an diesem Abend gekommen, eine von ihnen mittleren Alters, die anderen um die 30. Manche haben früher im Schulchor gesungen, andere erst im Gefängnis das Singen für sich entdeckt. "Es ist eine Ablenkung vom Alltag hier drin. Ich singe gern. Es ist wie eine kleine Flucht", sagt Jacqueline*. Für das Erschleichen von Leistungen musste sie sich vor Gericht verantworten, sitzt noch bis 2018 hinter Gittern.

Chorleiterin Christiane Sander fragt nie, warum die Frauen im Gefängnis sind. "Manchmal erfahre ich die Geschichte, aber dann erzählen die Frauen sie von sich aus", sagt die Mittweidaerin. Dann höre sie einfach nur zu. Die Musik steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Mit den Inhaftierten singt die Kirchenmusikerin Schlager und moderne Lieder ebenso wie Gospels. "Ich sage, dass ich Christ bin, aber bei dem Projekt steht das nicht im Vordergrund."

Ist das Keyboard aufgebaut, eröffnet sie die Chorprobe mit einem Klavierstück. Ein kurzer Moment, in dem die Frauen die Musik hören, abschalten, runterkommen. Alle sind still. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, schwatzen sie, lachen miteinander. Die Chorstunde bietet Gelegenheit, sich auszutauschen. Solche Momente sind im Gefängnis genau geregelt.

Täglich zwischen 16.30 und 21.30Uhr sind die Zellen aufgeschlossen, dann können die Frauen einander besuchen, zusammen Kaffee trinken oder eben an Kreativangeboten wie der Chorstunde teilnehmen. "Kontakte untereinander spielen bei Frauen eine größere Rolle als bei Männern", so Verena Parthum. Als Sozialarbeiterin kümmert sie sich um die Frauen in der JVA.

Neben der Pflege sozialer Kontakte dienen die Kreativangebote - neben dem Chor gibt es unter anderem Kurse im Töpfern, in der Gartengestaltung, im Malen und in Aquaristik sowie Sportgruppen - auch zur Vermittlung sozialer Regeln. "Die Inhaftierten haben so eine Regelmäßigkeit und Struktur in ihrem Alltag. Außerdem werden sie daran erinnert, dass man Verbindlichkeiten hat, die man einhalten muss", erklärt Sozialarbeiterin Parthum.

Wer im Gefängnischor mitsingen darf, entscheiden die Verantwortlichen der JVA. Die Frauen müssen sich bewerben. Kantorin Christiane Sander ist während der Probe mit den Frauen allein, ein Wärter ist in der Regel nicht anwesend. Angst hat die Mittweidaer Musikerin deswegen nicht. "Frauen, die total auffällig sind, dürfen auch nicht teilnehmen", sagt Verena Parthum.

Die Gruppe der Teilnehmerinnen ändert sich ständig. Neue Frauen kommen hinzu, andere werden in die Freiheit entlassen. Jetzt hat Kathrin* sich nach der Chorstunde verabschiedet. Sie verlässt die JVA in zwei Tagen. Christiane Sander wünscht ihr alles Gute. Denn bei aller emotionalen Distanz, die sie sich selbst auferlegt hat, gibt es eine Sache, die sie dann doch traurig macht: "Manche Frauen sehe ich wieder, wenn sie erneut eine Haftstrafe antreten müssen und dann auch wieder zu mir in den Chor kommen."

* Nachnamen der Redaktion bekannt


Gefängnis für Frauen aus zwei Bundesländern

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Chemnitz ist eine gemeinsame Einrichtung von Sachsen und Thüringen. In der JVA werden ausschließlich Frauen inhaftiert.

Derzeit sind 273 Frauen in der JVA untergebracht. Die meisten Inhaftierten sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Die Einrichtung bietet fünf Plätze für Frauen mit Kindern. Dort sind

Inhaftierte mit Säuglingen und Kleinkindern bis zu 3 Jahren untergebracht. Sie sollen in ihrer Rolle als Mutter gestärkt und gefestigt werden. 14 Plätze stehen für jugendliche Straftäterinnen bereit.

Beschäftigt sind in der JVA mehr als 100 Vollzugsbedienstete im höheren, gehobenen und mittleren Dienst, ein Arzt, Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, eine Kunsttherapeutin sowie Verwaltungsangestellte.

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