Wasseramsel: Vertreibung hat Nachspiel

Ein Naturschützer will Anzeige erstatten, weil die Stadt Auerbach ein Nest samt Eiern unter der Brückenbaustelle entfernt hat. Das Landratsamt duldet das Vorgehen der Kommune.

Auerbach.

Für Reinhold Turczyk (72) ist die Sache eindeutig: "Sobald irgendwo brütende Vögel entdeckt werden, müssen die Arbeiten im Bereich des Nestes gestoppt werden", sagt der Naturschützer aus dem Treuener Ortsteil Gospersgrün. "So steht es im Bundesnaturschutzgesetz." Deshalb sei eine Straftat, was in Auerbach vor einer Woche geschah: An der Brückenbaustelle Schulstraße hatte die Kommune ein Wasseramsel-Nest mit Eiern entfernen lassen. Es wurde in einen Nistkasten gelegt und unter die Heilige-Brunnen-Brücke "umgesetzt". Dass die Vögel das Nest dort finden und weiterbrüten, wird nicht nur von Turczyk bezweifelt. "Ich werde in dieser Sache Anzeige erstatten", kündigt er an. Das hat er in ähnlichen Fällen mehrfach getan, wegen mangelnder Beweise ohne Erfolg. "Aber diesmal ist die Beweislage eindeutig", sagt Turczyk.

Tatsächlich wurde das Nest unter der Brücke kurz vor Baustart untersucht und mit Fotos dokumentiert, und zwar vom zuständigen Naturschutzhelfer Michael Thoß. Er hatte sofort die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes informiert. Er stellte fünf Eier fest und teilte mit: "Der Vogel war nicht am Nest. Es ist zu vermuten, dass etwa noch ein Ei hinzugelegt wird, und der Vogel dann ab morgen mit dem Brüten beginnt." Thoß veranschlagte eine Brutzeit von 17 Tagen, anschließend eine Nestlingszeit von 21 Tagen, "sodass mit einer Brut- und Aufzuchtzeit bis zum 13. Mai zu rechnen ist". Thoß teilte der Behörde zudem mit: "Diese Wasseramselbrut ist die einzige bekannte Brut an der Göltzsch von Rodewisch bis Auerbach."

Laut einem, "Freie Presse" vorliegendem E-Mail-Protokoll hatte die Naturschutzbehörde die Stadt Auerbach angeschrieben und mitgeteilt, dass das Planungsbüro den Artenschutzes wohl "nicht ausreichend berücksichtigt" habe. Die Stadt solle prüfen, "ob der geplante Baubeginn an der Göltzschbrücke bis zum Ausflug der Jungvögel (hier: etwa der 15. Mai) verschoben werden kann." Falls dies nicht möglich sei, müsse ein Antrag auf Ausnahmegenehmigung gestellt werden. Bis diese erteilt sei dürfe nicht gebaut werden.

Welche Absprachen es danach gab, ist unklar. Jedenfalls stellte die Stadt keinen Antrag, sondern ließ das Wasseramsel-Gelege "umsiedeln". Die zuständige Sachbearbeiterin im Landratsamt dankte anschließend für die Information und ergänzte: "Wollen wir hoffen, dass die Wasseramsel den Nistkasten mit dem Nest und den darin befindlichen Eiern findet." Dem Baustart "stehen nunmehr artenschutzrechtliche Belange nicht mehr entgegen. Danke für Ihre aktive Mitarbeit."

Reinhold Turczyk findet dieses Vorgehen empörend und meint: "Die Naturschutzbehörde im Vogtland fällt dem Naturschutz leider oft in den Rücken."

Die Stadt begründet ihr Vorgehen mit zu erwartenden Mehrkosten durch den Baustopp. Stadtsprecher Hagen Hartwig teilt mit: "Das hätte einen schwerwiegenden Eingriff in bestehende Verträge bedeutet (Eintaktung Nachunternehmer) und zu nicht unerheblichen Mehrkosten geführt, beziehungsweise eine Fertigstellung, wie im Förderbescheid festgelegt, infrage gestellt hätte."

Die Naturschutzbehörde erklärte auf Nachfrage, wahrscheinlich hätte man der Stadt die Ausnahmegenehmigung ohnehin erteilt, da die Wasseramseln momentan nicht als "gefährdet" eingestuft seien und man wirtschaftliche Belange berücksichtigen müsse. "Da uns dazu aber keine konkreten Daten (vor allem auch was den Bau und dessen Finanzierung betrifft) vorliegen, kann diese Frage nicht abschließend beantwortet werden."

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15Kommentare
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  • 1
    0
    Tauchsieder
    12.05.2018

    Wenn Bäume in den Himmel fliegen und singen. Da kann man nur hoffen, dass sich alle Lerchen in Sicherheit bringen können.

  • 1
    2
    aussaugerges
    12.05.2018

    Meine ?ärchen sind heutè schon um 4,16 Uhr aufgestiegen. Viele Vogelarten brüten gar nicht mehr wegen den Insektenmangel. Auch die Eier können keine feste Hülle mehr ausbilden. Es wird dringend empfohlen im Frühjahr weiter zu füttern. Ich habe in einem abgedeckten Eimer 50 Kg im Winter verfüttert. Es war immer voller Betrieb Auch andere Nachbarn haben so viel Sonnenblumenkerne verfüttet. Glo... 5 Kg 5 Euro.

  • 2
    2
    aussaugerges
    04.05.2018

    In Strasskirchen Bayern, gibt es auf den Feldern keinen Frühling mehr. Nur Monokulturen,keine Käfer,keine Vögel,keine Schetterlinge die sich vermehren können. Totenstille, und das im Frühling und das in Bayern.

  • 2
    2
    aussaugerges
    29.04.2018

    Heute haben die noch verbliebenenLärchen um 4,45 Uhr hoch im Himmel angefangen zu singen. Wie lange noch?

  • 1
    3
    aussaugerges
    27.04.2018

    Das deutsche faschistische System hat den schlimmsten Krieg aller Zeiten auch mit einer Lüge begonnen. Da ist jede Lächerlichkeit pervers.

  • 1
    3
    osgar
    27.04.2018

    Das ist keine Hummel, sondern eine Drohne. Die beobachtet Ihre nächtlichen Aktivitäten im Auftrag des President of Russia.

  • 1
    1
    aussaugerges
    27.04.2018

    Frage an Bienenexperten. Bei 2 meiner Nachbarn wollen Hummln auch über Nacht in Gartenhäuser. Meine Hummel fliegt auch so lange am Fenster (((Küche))) bis ich es aufmache. Und fliegt sofort, in ein Loch im Fußraum.Zielstrebig. Und kommt erst gegen 9 Uhr früh wieder raus. Das Erdloch was sie Jahre lang benutzt haben ist leer. An den Hinterbeinen hat sie viel Pollen. Ist das normal oder ?

  • 2
    1
    Tauchsieder
    27.04.2018

    Was für eine Logik, weils hier nicht läuft bedarfs dort auch keinen Schutz. Jeder kann in seinem Umfeld etwas für die Natur tun. Nur können einzelne Fachleute nicht den gesamten Kollerteralschaden, den Behörden, Ämter oder Firmen in der Umwelt hinterlassen, wegräumen. Die Einen kümmern sich um Fische, die Anderen z.B. um Vögel und die nächsten um Pflanzen usw. . So lange die Mentalität sehr weit verbreitet - WAS GEHT MICH DIES AN - werden die Verantwortlichen tun und lassen was sie wollen, auch wenn man gegen bestehende Gesetze verstößt. Jeder hat das Recht entsprechend dagegen vorzugehen. Man muss nur seinen Ar..h heben und sich dazu durchringen.

  • 1
    3
    aussaugerges
    27.04.2018

    Heute habe ich die Lärchen erst sehr spät gehört.Minus 0,1Grad. Man denk es sind viele aber leider,leider nur 1 bis 2 Stück. In der Flur Scharzes Holz. PLAUEN

  • 3
    1
    DerKuckuck
    20.04.2018

    Nein das hat was mit übertriebener Heuchelei zu tun was hier abgeht. Auf der einen Seite regen sich alle wegen einem Vogelnest auf, auf der anderen Seite stört es keinem wenn Wohngebiete planiert werden und jeder Baum über 3 Meter weg muss. Beispiel Vogelsiedlung in Auerbach. Da gibts viel ... außer Vögel. Blumensiedlung usw. ... Mit Chemikalien wird überall ein Insektenholocaust verübt, der vielen Vögeln die Nahrungsgrundlage raubt. Wo ist der Aufschrei? Das ist mal ein paar Nachrichten wert, das wars. Aber über eine einzelne Wasseramsel kann man tagelang debattieren. Vor 10 Jahren gabs bei mir im Ort jede Menge Mauersegler. Seit dem jedes Dach abgedichtet wurde sehe ich seit 2016 nicht einen mehr. Wo is da der Ausgleich? Sollte man für private Grundstücke nicht Nistkästen verordnen? Gut ich bin zu wenig Vogelkundler um das zu genau zu beurteilen, aber ich kann beobachten was an Natur selbst auf dem Dorf übrig bleibt und das wird jedes Jahr weniger. Jeder der Grundstücke besitzt kann da was tun. Raus mit den Zierpflanzen, die keinen Wert für einheimische Insekten haben, Nistkästen anbieten, eine Wiese malnnicht mähen und verwildern lassen. Und wer tuts denn? Wieviel Wert hat ein englischer Rasen für die Natur? Wo sind denn noch Überwinterunsmöglichkeiten für Igel in den Gärten? Ja bloß kein Viehzeug in meinem Garten, aber der Staat, der soll alles für mich retten. Hauptsache eine anderer tuts.

  • 4
    0
    cn3boj00
    20.04.2018

    DerKuckuck und der Esel... Bravo, das ist genau die Einstellung, die von unseren Bürgern erwartet wird. Gesetze sind für alle da, nur nicht für die Obrigkeit. Und was ist eine (sehr seltene) Wasseramsel schon Wert. Wenn ich am 1. März eine Hecke entferne, bekomme ich (oder der ausführende Betrieb ein Bußgeld. Da heißt es: Vogelschutz! Und zwar egal, ob in der Hecke jemand gebrütet hat oder nicht! Wenn aber der Staat mit seinen Totschlagargumenten "die Kosten ach die Kosten" oder noch besser "die Arbeitsplätze" kommt erstarren alle in Ehrfurcht. Diese Einstellung ist es, welche Dinge wie den Dieselskandal möglich machen. Der Staat erkauft sich das mit Verlust an Respekt, Respekt vor der Natur, Respekt vor dem Gesetz.

  • 2
    0
    Tauchsieder
    20.04.2018

    Ja zum Kuckuck noch einmal, dass hat was mit Fingerspitzengefühl und Wissen zu tun hat. Da sind Leute an der "Däte" die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, vielleicht reicht`s gerade noch zum blasen. Vor Ort gibt es Leute (z.B. Thoß) die solchen Bediensteten mit Fachwissen helfen könnten. Vielleicht hätte man im Vorfeld eine andere Bauzeit wählen können oder vor Beginn der Brut die Vögel vergrämen können usw. . Manchem ist halt nicht zu helfen und diejenigen müssen sich jetzt einige Fragen gefallen lassen.

  • 1
    5
    DerKuckuck
    19.04.2018

    Ey ... Es ist einfach nur eine Wasseramsel. Wenn man deswegen den Bau verschoben hätte und es wegen dem Verzug wieder teurer wird, regen sich auch alle auf.

  • 4
    0
    cn3boj00
    15.04.2018

    Es ist ein Skandal, wie hier die Behörden ihre eigenen Gesetze aushebeln. Aber verwunderlich ist es nicht. Naturschutz ist im Osten ja offenbar nur für Privatpersonen bindend, die öffentliche Hand kann machen was sie will. Ich hoffe, die Klage hat Erfolg, auch wenn sie die Wasseramsel wohl nicht zurückbringt.

  • 7
    3
    Tauchsieder
    14.04.2018

    Eine richtige Reaktion, die einzige Sprache die das LRA versteht. Solche Aussagen des LRA sind ein Hohn gegenüber dem Naturschutz und rücken den Umgang dieser Behörde mit dem Umwelt - und Naturschutz ins richtige Licht. Von Umwelt - und Naturschutz schwafeln, kommt es aber zur Nagelprobe war alles nur Schall und Rauch.



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