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Sieben Leichen gefunden: Artikel vom 31. Juli 1946.

Foto: Repro: Stadtverwaltung/Archiv Bild 1 / 3

Wer waren die Täter: Nazis oder Russen?

Der Fall Paul Petzold und die sieben angeblichen SS-Opfer vom Schallerbach haben zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Die Frage ist: Wie viel Propaganda steckt im Polizeibericht von 1946?

Von Susanne Kiwitter
erschienen am 10.02.2018

Auerbach/Mylau. Heike Kramer ist wie elektrisiert: Das, was ihr dieser Tage ein Hohengrüner berichtet hat, lässt sie nicht mehr los. Sein Hinweis: Bei den sieben, im Sommer 1946 nahe der Schallerbachstraße in Brunn gefundenen Toten habe es sich nicht um Opfer der SS gehandelt, sondern um Opfer der sowjetischen Nachkriegsbesatzer.

Seit zweieinhalb Monaten sucht die Mylauerin öffentlich nach Hinweisen zu ihrem Großvater Paul Petzold. Der Mann war im August 1945 von den Sowjets verhaftet, wegen Kriegsverbrechen verurteilt, im September 45 hingerichtet und irgendwo sieben Kilometer von Auerbach entfernt verscharrt worden. So viel ist aufgrund der Aktenlage in einem Moskauer Geheimdienstarchiv verbrieft, ebenso die Tatsache, dass Petzold nach 1990 von russischen Behörden rehabilitiert wurde. Heike Kramer will wissen, wo genau ihr toter Großvater begraben wurde.

Nach einem ersten "Freie Presse"-Bericht im November 2017 tauchte ein Zeitungsartikel von 1946 aus dem Auerbacher Stadtarchiv auf. Sieben Leichen hatte ein Förster damals in einem Waldstück abseits der Schallerbachstraße gefunden. Die Zeitungsschreiber von dazumal berichteten, dass es sich dabei um Opfer der SS handelte. Inzwischen ist auch der dazugehörige historische Polizeibericht aufgetaucht. Gleich zwei Heimatforscher aus der Region legten das Schriftstück, das offensichtlich aus dem Kreisarchiv stammt, vor. Daraus geht hervor, dass die sieben Männer erschlagen wurden.

Einer, der sich in der Brunner Ortshistorie auskennt, ist Udo Schmalfuß. Der 75-Jährige berichtet, dass in dem Waldstück links von der Schallerbachstraße zwischen Brunn und Waldpark Grünheide mehrmals Leichen oder menschliche Überreste gefunden wurden. "Zuletzt vor zehn, zwölf Jahren ein Schädel", erzählt er.

Darüber hinaus existiert ein weiterer Polizeibericht, in dem von einem einzelnen Leichenfund im August 1946 ebenfalls im Forstrevier Georgengrün die Rede ist. Laut Schmalfuß lieferte sich die Wehrmacht in den letzten Kriegstagen von dort aus mit den Amerikanern heftige Gefechte. Nach Kriegsende lagerten die sich in Auflösung befindlichen deutschen Truppen zudem längere Zeit entlang der Schallerbachstraße. Gut möglich, dass es vor allem Ende April/Anfang Mai hier auch zu Hinrichtungen kam, vor allem von kampfmüden Wehrmachtssoldaten.

Heike Kramer und ihr Informant aus Hohengrün, der namentlich nicht genannt werden will, glauben eher an die Variante, dass es sich bei den sieben, im Juli 1946 gefundenen Toten um von den Russen nach Kriegsende Hingerichteten handelte. Dazu ist die Erzählung eines verstorbenen Waldarbeiters überliefert, der als 16-Jähriger Zeuge derartiger Vorgänge gewesen sein soll. So ist inzwischen auch die damalige Fundstelle der Leichen exakt lokalisiert. Sie befindet sich nicht, wie zuerst angenommen, in einem Steinbruch, sondern etwa 700 Meter vom Brunner Ortsausgang Richtung Waldpark entfernt, auf der linken Seite im Wald hinter einer Metallschranke. Diese Angabe bestätigen der Ortshistoriker Udo Schmalfuß und der zuständige Revierförster Andreas Schlosser.

Fakt ist auch, dass in Auerbach das Sowjetische Militärtribunal (SMT) der 57. Garde-Schützendivision zahlreiche vermeintliche und tatsächliche Nazi-Täter verurteilte und richtete. Dazu gibt es vielfache Hinweise in der 2015 erschienenen historisch-biographischen Studie "Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944-1947)". Auch Heike Kramers Großvater Paul Petzold ist hier erwähnt.

Und laut Stadtsprecher Hagen Hartwig ist bekannt, dass beispielsweise in der Villa an der Ecke Schul-/Bertold-Brecht-Straße, im sogenannten Gartenhaus an der Göltzschtalstraße und im alten Gefängnis am Altmarkt von den Russen verhört und wahrscheinlich auch gefoltert wurde.

Die Frage ist, was nach den SMT-Verfahren mit Todesurteilen mit den Leichen passierte. Die Autoren der erwähnten Studie halten fest, dass es sich dabei um Geheimprozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit handelte. Und dass deshalb und wegen der generellen Informationspolitik der Sowjetunion die deutsche Öffentlichkeit diesbezüglich bis heute im Dunkeln tappt. Wie mit den Angehörigen umgegangen wurde, lässt sich am Beispiel Paul Petzolds rekonstruieren. Seine Frau blieb bis zu ihrem Tod 1975 im Unklaren darüber, was mit ihm passiert ist. Seine Tochter beziehungsweise Heike Kramers Mutter (1937 geboren und im Foto auf Paul Petzolds Arm) versuchte über Westkontakte und deshalb unter großer Gefahr an Informationen heranzukommen. Das Einzige, was die Familie in den Jahren erhielt, war die Angabe eines falschen Todesdatums. Erst jüngst kam Heike Kramer über die Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Dresden zu den Infos, die ihr heute vorliegen. Jetzt geht es ihr um das letzte Geheimnis.

Folglich ist jeder Hinweis ein Strohhalm. Aktuell recherchiere sie in Auerbacher Kirchenarchiven, sagt sie. Denn im Polizeiprotokoll ist vermerkt, dass die sieben Toten vom Schallerbach auf dem Friedhof Beerheide beigesetzt wurden.

 
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