Wie die Globalisierung Einzug hielt

Auf dem Böhmischen Steig ging es früher zu wie im Wilden Westen: Auf dem unbefestigten Weg wurde geraubt. Bis die Straßen zementiert wurden, vergingen mehrere 100 Jahre.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Globalisierung hielt in der Region wohl schon im 12. Jahrhundert Einzug, ganz ohne Internet und Flugzeugen. An der Stelle, an der heute die Bundesstraße 180 zwischen Waldenburg und St. Egidien verläuft und jeden Tag mehrere Lkws das transportieren, was wir alltäglich brauchen, verlief einer der hier ersten bekannten überregionalen Handelswege: der Böhmische Steig. Zum historischen Güterverkehr und der Route wird es in der kommenden Woche in Callenberg einen Vortrag des Kunsthistorikers Rainer Tippmann geben.

Diese historische Salzstraße verlief von Halle bis nach Prag, mit Abzweigen nach Leipzig, Dresden und Chemnitz. So führten Ausläufer der Handelsroute auch durch Westsachsen und das Erzgebirge. Salz war nicht überall verfügbar, wurde allerdings gerade zum Konservieren von Lebensmittel flächendeckend gebraucht. So entstanden vor allem zwischen Gebieten ohne Salzvorkommen und Salzbergwerken die Wege. Hobbyhistorikerin Elke Eifert stieß bei ihrer Recherche zum Thema auf die wohl erste schriftliche Erwähnung der Böhmischen Steige: in einem Dokument zur Gründung des Klosters Remse im Jahr 1143.

Nicht nur Salz wurde auf diesem Weg transportiert. In der gefundenen Urkunde wird auch der Berg Crostawitze erwähnt, die heutige Anhöhe in Grumbach bei der Autobahnauffahrt Hohenstein-Ernstthal. Auch dort wusste man die Anbindung zu nutzen. Die Gründerfamilie der Stadt, Simon, hatte gut 35 Fuhrwerke. Jedoch transportierten sie wohl eher hiesige Güter wie Erz und Stoffe als Salz.

"Die Straße war damals natürlich ganz anders beschaffen, als sie es heute ist", sagt Bernd Bammler. Der Hohenstein-Ernstthaler Hobbyhistoriker recherchiert auch zu dem Steig. Der war im 12. Jahrhundert unbefestigt und verlief sozusagen durch die Walachei. Die unbefestigten Wege konnten so auch mal einige 100 Meter abweichen. Man fuhr vermutlich dort, wo der Untergrund den Eisenrädern der Kutschen am wenigsten ausmachte. Steckenbleiben im Schlamm oder Sumpf konnte man sich nicht leisten: "Die Leute fuhren mit ihren meist vierspännigen Kutschen nicht nach Wegweisern, sondern nach dem Stand der Sonne", so Bammler. Damals gab es keine Straßenbeleuchtung. Entweder schaffte man es zu einem Hof zum Übernachten oder man musste im Freien schlafen. Das barg aber einige Gefahren, deshalb fuhr man gerne in Gruppen, den Schwurgemeinschaften, "denn Räuber waren auf der Salzstraße zugange", sagt er.

"Der Weg war wohl eher ein Trampelpfad", so Bammler. "Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Straßenbau vorangetrieben. Zunächst wurde Sand eingeschlämmt, dann nutze man große Granit-, dann kleine Pflastersteine. Alles wurde mit Schubkarren und per Hand befestigt." Darauf lassen auch Bodenfunde schließen. Die Straßen wurden so gebaut, dass sie in der Mitte eine Wölbung hatten. Damit das Wasser bei starkem Regen ablief und sich die Befestigung nicht löste. Diese Anlagen mit Steinen gab es erst Ende des 19. Jahrhunderts. Bis die Straßen betoniert wurden, dauerte es noch ein paar Jahrzehnte. "Erschwerend kam die Landschaft hinzu, die Berge und Hügel", so Bammler. "An manchen Stellen mussten Stützmauern errichtet werden. Sonst hätte der Berg den Weg zusammenbrechen lassen." In Hohenstein-Ernstthal gibt es noch heute Stützmauern, so wie an der Dresdner- oder an der Hermannstraße.

Zu Bedenken gab es aber auch noch andere Kräfte. "Mit dem neuen Bodenbelag mussten plötzlich auch die Gewichte der Fuhrwerke und der Güter mit bedacht werden", sagt Bammler. "Die befestigte Straße ist auch nur so gut, solange sie sich nicht durch schwere Last absenkt, genauso wie heute." Mit der Befestigung wandelte sich der Weg auf der Deutschen Seite erst zur Reichsstraße 180 und dann in der DDR zur Fernverkehrsstraße 180, bevor es die Bundesstraße 180 wurde. Der Güterverkehr fuhr in der Region im wahrstem Sinne des Wortes also auf historischen Pfaden.

Der Vortrag zum Böhmischen Steig im Callenberger Gemeindesaal von Kunsthistoriker Rainer Tippmann findet am 24. Mai statt. Beginn ist 19 Uhr.

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