Kater Ottos Glück ist nur von kurzer Dauer

Ein Unbekannter hat in der Vogelsiedlung auf einen Kater geschossen. Das Leben hatte für das vormalige Heimtier gerade erst so richtig begonnen.

Zwickau.

Was ist passiert? - Etwas ist anders am vergangenen Montagnachmittag, als Christin und Stiev Pilz von der Arbeit nach Hause kommen. Otto, der Kater, der seit drei Monaten zur Familie gehört, wirkt verstört, liegt vor dem Haus im Gras. Aber er lässt niemanden an sich heran. Auch nicht, als er sich am Abend ins Haus und in sein Körbchen schleppt. "Wir haben nur gesehen, dass er sich rechts am Bauch leckte und dass da die Spur einer Verletzung war", berichtet Stiev Pilz.

Eigentlich hat das Tier ein schönes Leben bei dem Ehepaar mit der zweieinhalbjährigen Tochter. Endlich, kann man sagen, hat er es geschafft. Er hat seine Menschen gefunden. Geboren ist Otto im Tierheim in Bockau, sechs Jahre zuvor. Wird dort aber, wenn Familien ein Haustier suchen, immer wieder übergangen. Er bleibt Dauergast in der Einrichtung: Nach einer schwer wiegenden Kieferbehandlung hat Otto keine Zähne mehr. Und wer will schon einen Kater ohne Zähne? Pilz' wollen genau ihn und bieten ihm am Stadtrand Zwickaus ein neues Zuhause. Und viel Liebe. Tagsüber durchstreift er auf eigene Pfote die Vogelsiedlung, in der Pilz' 2012 ein Haus ausgebaut haben. Abends lässt er es sich in und mit seiner neuen Familie gut gehen. Und das fehlende Gebiss macht den Stubentiger beileibe nicht zum Kostverächter.

Auch am Dienstag geht es Otto noch nicht besser. Am Nachmittag fährt Stiev Pilz mit ihm in Zwickau zum Tierarzt. Die Hoffnung, dass hier nur eine harmlose Rauferei mit einem Artgenossen ihre Spur hinterlassen hat, bestätigt sich nicht. Der Veterinär stellt fest: Jemand hat auf Otto geschossen. Offenbar mit einem Luftgewehr: Das Röntgenbild zeigt die Silhouette eines Diabolos. Am nächsten Tag fährt Christin Pilz schließlich mit dem Kater zur Tierklinik nach Chemnitz, um ihm dort das Projektil rausoperieren zu lassen. Doch als nach der Ankunft der Transportkäfig geöffnet wird, können die Klinikmitarbeiter nur noch den Tod des Haustiers feststellen.

Wer macht so etwas?, fragen sich Christin und Stiev Pilz, nicht zuletzt durch ihre Jobs im Gesundheitswesen für das Thema sensibilisiert. Und sie fragen sich das nicht nur rhetorisch: "Wir haben Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei erstattet", berichtet der 34-Jährige und redet Klartext: "So etwas ist kein Spaß, und es gibt heute genügend andere Möglichkeiten, Aggressionen abzubauen", stellt er fest, wütend und traurig zugleich. Und besorgt wie er ist seine Frau. Sie ergänzt: "In solchen Fällen sind auch unsere Kinder gefährdet, denn solche Schüsse gehen auch mal daneben. Wir sorgen uns um unsere Sicherheit", sagt sie. Beide wissen nur: Der Täter muss aus der Nachbarschaft kommen, denn allzu weit hat Otto sich bei seinen Streifzügen nie vom Haus in der Mülsener Straße entfernt. Im Verdacht haben sie jedoch niemanden.

Sieht die Familie ihre Nachbarn jetzt mit anderen Augen? - "Das nicht", sagt Stiev Pilz, der schon in der Vogelsiedlung aufgewachsen ist. "Aber es ist auch so alles anonymer geworden." Klar ist für die Familie: Irgendwann soll wieder eine Katze her. Wenn Zeit vergangen ist. Auch für die kleine Tochter ist die neue Situation noch irreal: "Auf dem Heimweg hat sie gefragt, ob wir jetzt zu Otto fahren", erzählt ihr Vater. Und im Grunde stimmt das immer noch. Wenn auch in anderem Sinne: Der Kater hat seine letzte Ruhestätte im Garten seiner Familie Pilz gefunden.

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