Auf altem Bahndamm bis zur Grenze

Bisher gibt es im Erzgebirge erst ein Beispiel für den Umbau einer alten Bahntrasse zum Radweg. Und der dauerte 15 Jahre. Jetzt geht Marienberg mit Tempo so ein Vorhaben an.

Marienberg.

Schon seit 1978 rollt kein Personenzug und seit 1994 auch kein Güterverkehr mehr zwischen Marienberg und dem knapp 17 Kilometer entfernten Grenzort Reitzenhain im Erzgebirge. Der Bahnverkehr nach Böhmen war nach Ende des Zweiten Weltkriegs eingestellt worden. Offiziell stillgelegt wurde die Strecke auf deutscher Seite im Dezember 1998. Die Schienen rosteten vor sich hin, bis die Stadt Marienberg 2012 beschloss, die Strecke zu kaufen - um sie zu einem Bahntrassenradweg umzubauen. Ab 2013 befassten sich die Stadt und externe Planer genauer mit dem Vorhaben, zeitgleich erfolgte bis Ende 2013 der Gleisrückbau durch die Bahn. 2014 wurde der Kaufvertrag besiegelt. Die Trasse, die auch den Ortsteil Gebirge-Gelobtland berührt, ging für knapp 34.000 Euro an die Bergstadt. Schon drei Jahre bevor Sachsens jetziger Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) den Radwegebau entlang von Fernstraßen im Januar 2018 zur Chefsache erklärte, machte man in Marienberg Nägel mit Köpfen. Da es im zuständigen Landesstraßenbauamt (Lasuv) an Personal für Radwegeplanung fehlt, schloss Marienberg in Absprache mit dem Ministerium 2015 eine Vereinbarung mit dem Lasuv, die Planung selbst durchzuführen und so auch Herr der Verfahrens zu werden.

"Ohne diese Vereinbarung wären wir längst nicht da, wo wir jetzt sind. Auch wenn man in der Landschaft noch nicht viel sieht", sagt Oberbürgermeister André Heinrich (parteilos). Für ihn hat das touristische Vorhaben höchste Priorität. Im April 2015 wurde ein Ingenieurbüro mit Trassenuntersuchung und Vorplanung beauftragt. Obwohl von Anfang an klar war, dass die vorhandene Bahntrasse genutzt werden sollte, verlangte das Lasuv 2016 die Prüfung weiterer Streckenvarianten - im Interesse des Naturschutzes. "Das Ergebnis war, dass es bei der von uns favorisierten Bahntrasse bleibt, die auch die kostengünstigste Variante darstellt", berichtet der Stadtchef. 4,15 Millionen Euro sind für den kombinierten Rad- und Gehweg veranschlagt. Er soll eine Breite von 2,50 Meter haben - zuzüglich 0,75 Meter Bankett auf beiden Seiten. Zwei Brücken, in Marienberg und Reitzenhain, werden abgerissen und durch Rampen ersetzt. Fünf weitere müssen instand gesetzt oder neu gebaut werden. Dazu gehören je eine Brücke und eine Unterführung an den Stellen, wo der Radweg die B 174 kreuzt. Auf dem knapp 17 Kilometer langen Radweg ist ein Höhenunterschied von rund 190 Metern zu überwinden. Die durchschnittliche Steigerung Richtung Grenze beträgt 1,3 Prozent. An einer Stelle geht es aber auch mal 7,8 Prozent bergauf.

Das Landratsamt prüfte binnen eines Monats alle eingereichten Unterlagen und gab weitere Anregungen und Hinweise. So muss ein landschaftspflegerischer Begleitplan erstellt werden mit Ausgleichsmaßnahmen für die Eingriffe in die Natur. "Obwohl der Radweg kein Schutzgebiet durchquert, sondern lediglich ein Vogel- und drei FFH-(Flora-Fauna-Habitat) Gebiete tangiert, muss eine Reptilienkartierung erfolgen", berichtet André Heinrich. "Dazu erfolgen zwischen April und September drei Begehungen durch externe Fachleute, die sowohl die wirbellosen Erwachsenen- als auch die Jungtiere erfassen." Dieser zusätzliche Aufwand sei auch der Grund, dass nicht vor 2019 Baurecht bestehen werde, so Heinrich. Dann soll nicht abschnittsweise, sondern an mehreren Stellen gleichzeitig gebaut werden. Die Fertigstellung ist für 2020 geplant. OB Heinrich stimmt seinem Eibenstocker Amtskollegen Uwe Staab zu, der mit dem Mulderadweg von Aue nach Eibenstock das erste Großprojekt dieser Art durchgezogen hatte, dass die planungsrechtlichen Verfahren auf den Prüfstand gehörten. Beide Stadtchefs können nicht nachvollziehen, warum für den Bau von Radwegen - noch dazu auf Bahntrassen - Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt werden müssen wie beim Bau einer Autotobahn. "Genehmigungsverfahren könnten erheblich vereinfacht werden, wenn die naturschutzfachliche Einordnung eines Radweges so erfolgt, dass dieser eben keinen Eingriff darstellt - zumindest in Nichtnaturschutzgebieten", sagt Uwe Staab (CDU). Er könne nicht sehen, dass Radwege in Sachsen hohe Priorität genießen. Sie seien bisher eher "unkoordinierte Zufallsprodukte" gewesen. "Man erkennt keinen Masterplan, sondern überlässt die Initiative den Kommunen. Das ist für mich der falsche Ansatz." Bahntrassenradwege in Sachsen gibt es bisher zwischen Chemnitz und Markersdorf (Chemnitztalradweg), Halbendorf und Löbau, Aue und Wolfsgrün, Weißig und Dürrröhrsdorf (Schönfelder Hochland), Kleinnaundorf und Possendorf (Windbergbahn), Görlitz und Königshain (Kreisbahnradweg) sowie Robschütz und Löthain (Meißner Acht). Ab Herbst soll die Strecke Rochlitz-Waldheim zu einem 21 Kilometer langen Bahntrassenradweg umgebaut werden. Ob der Striegistalradweg zwischen Hainichen und Roßwein jemals umgesetzt wird, ist jedoch weiter unklar.

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