Die Autobahn nach Prag rückt in weite Ferne

Ein Erdrutsch begräbt die Hoffnung auf baldige Eröffnung. Tschechiens Verkehrsminister beklagt schwere Versäumnisse bei der Planung.

Prag/Dresden.

Das Gutachten, das der tschechische geologische Dienst 2004 zur geplanten Autobahnverbindung von Prag nach Dresden durch das Böhmische Mittelgebirge veröffentlichte, war niederschmetternd. "Die Trasse, die im Flächenplan genehmigt wurde, führt an den Hängen des Elbtals durch ein kompliziertes Gelände, das durch den Steinbruch Prackovice und zahlreiche Erdrutsche zu allen Zeiten bis in die Gegenwart geprägt wurde", heißt es in dem Dokument. Die Verfasser warnten eindringlich vor dem Bau der Autobahn auf der vorgesehenen Trasse und empfahlen wie ihre Auftraggeber den Bau eines langen Tunnels, um nicht an den Hängen bauen zu müssen.

Doch ihr Auftraggeber war die Umweltorganisation "Detí Zeme" (Kinder der Erde), die zu den schärfsten Kritikern der Autobahn durch das Landschaftsschutzgebiet gehörte und die bis dahin nichts unversucht gelassen hatten, um den Bau zu blockieren. Der Bauherr, die staatliche Autobahnverwaltung, wertete das Gutachten denn auch als nichts anderes, als eine weitere Verzögerungstaktik und ignorierte es. Eine Entscheidung, die sich genau am 7. Juni dieses Jahres rächen sollte. Denn nach jenen ausgiebigen Regenfällen, die die Elbe beinahe zu einem neuen Allzeithoch anschwellen ließen, kam der Hang oberhalb der fast fertigen Autobahn ins Rutschen. Rund eine halbe Million Kubikmeter Erdreich bewegten sich und kamen tagelang nicht zum Stehen. Die Massen zerstörten Teile der Autobahn, Menschen kamen aber nicht zu Schaden.

"Inkompetenz und Korruption"

Doch die Erkenntnis, dass das in Zukunft nicht dabei bleiben muss, zwang den Verkehrsminister Zdenek Zák nun wohl zu einem Offenbarungseid, wie es ihn in Tschechien zum Thema Autobahn D8 noch nicht gegeben hat. Zák spricht in einem Interview mit der Internetzeitung Aktualne.cz von "Inkompetenz, einer fehlenden Strategie und Korruption bei der Planung von Autobahnen" und kommt zu der Erkenntnis: "Die Autobahn wurde durch ein Gebiet gelegt, wo sie nie hätte lang führen dürfen."

Damit gibt er erstmals den Umweltschützern recht, die diese gefährliche Mischung schon seit Jahren anprangern. Es waren gerade Politiker, die sie bisher erfolgreich als Blockierer darstellten, die mit ihren unsinnigen Stellungnahmen und Klagen nur darauf aus sind, die Fertigstellung der Autobahn so lange wie möglich zu verhindern. Dass auch staatliche Behörden ihren Anteil an der Misere haben könnten, wurde immer zurückgewiesen.

Miroslav Patrik von "Detí Zeme" konnte sich insofern einen Seitenhieb nicht verkneifen. "Es ist vielleicht gut, dass wir den Bau so lange verzögert haben. Nicht auszudenken, wenn da am 7. Juni schon Autos gefahren wären", so Patrik. Trotzdem ist die Bilanz verheerend. Die Alternativ-Variante der Umweltschützer mit einem langen Tunnel wurde damals mit 420 Millionen Euro Kosten als zu teuer abgelehnt. Auch der Bau würde bis ins Jahr 2014 und damit zu lange dauern, hieß es damals. Solche Zahlen würde sich das Verkehrsministerium heute sicher wünschen, denn auch ohne Erdrutsch liegen die Kosten inzwischen mit 615 Millionen Euro bereits deutlich höher. Und die dürften nun noch einmal steigen. Nicht nur, dass ein Zuschuss der EU in Höhe von 320 Millionen Euro nun endgültig passé ist. Um ihn abzurufen, hätte die Autobahn bis 2015 fertig sein müssen.

Tunnel-Variante wieder im Spiel

Wie teuer die Autobahn jetzt noch wird und wann sie eröffnet wird, hängt vor allem davon ab, wie die Autobahn gebaut wird, dass Erdrutsche in Zukunft keine Auswirkungen auf den Verkehr haben sollen. Miroslav Patrik bringt erneut einen Tunnel ins Spiel, der auf 1,7 Kilometer parallel zur Unglücksstelle durch den Berg verlaufen soll.

Ob sich das Verkehrsministerium diesmal nach den Empfehlungen der Umweltschützer richtet, ist noch fraglich. Die neue Regierung, die aus den Wahlen Ende Oktober hervorgehen wird, muss längst nicht so kooperativ sein, wie ein parteiloser Verkehrsminister einer Regierung in Demission. Egal, welche Variante am Ende ausgewählt wird, es werden neue Genehmigungen eingeholt werden müssen. Ein Prozess, der durch den schon angekündigten Einspruch von Umweltschützern noch einmal dauern kann.

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