Sachsen geht neue Wege bei Schulen mit schwierigem Umfeld

Ab Herbst werden Uni-Absolventen als "Fellows" in ausgewählte Schulen Sachsens geschickt. Eine gemeinnützige Initiative will so Schüler und Lehrer im Alltag unterstützen.

Chemnitz.

Die Idee kommt aus den USA, das prägt bis heute die Begriffe. Beim "Teach for America Model" engagieren sich Hochschulabsolventen für unterprivilegierte Kinder. Die Studenten Kaija Landsberg und Michael Okrop nahmen die Initiative 2007 für ihre Abschlussarbeit unter die Lupe. Dann hoben sie "Teach First Deutschland" aus der Taufe, eine gemeinnützige Gesellschaft, die fortan "Fellows" als Helfer auch in deutsche "Brennpunktschulen" schickte. Inzwischen sind 135 Fellows in sieben Bundesländern tätig. Mit Schuljahresbeginn im August geht es auch in Sachsen los. Das Kultusministerium hat mit Teach First einen Rahmenvertrag geschlossen.

"Es wäre in Sachsen natürlich sinnfrei, von ,Brennpunktschulen' zu sprechen", sagt Ulf Matysiak, geschäftsführender Gesellschafter von Teach First. Der frühere Lehrer für Deutsch als Zweitsprache hat als Mitglied im Gründungsteam das pädagogische Konzept erarbeitet. "Wir wollen Schulen unterstützen", sagt er, "die aufgrund ihres Standorts nicht die volle Unterstützung der Eltern finden - sei es durch fehlende Bildungsnähe, niedrige Einkommen, zeitraubende Berufstätigkeiten oder Migrationshintergrund."

Das Kultusministerium sieht in Teach First einen Weg, Situationen zu meistern, die Lehrer vor besondere Herausforderungen stellen. "Die Fellows werden nach unseren sächsischen Regularien qualifiziert", erklärt Gerald Heinze, der Referatsleiter für die Oberschulen im Ministerium. Die Finanzierung erlaube den Einsatz von 60 Fellows - je 30 für Grund- und Oberschulen. Bei 750 Grund- und 280 Oberschulen ergeben sich in Sachsen mehr als 1000 mögliche Einsatzorte. "Wir haben uns zunächst auf Dresden und Chemnitz festgelegt", sagt Heinze.

30 Schulleiter wurden Anfang März in einem Chemnitzer Gymnasium mit den Modalitäten des Programms vertraut gemacht. Bis Mitte April melden die Schulen ihren Bedarf an. In den Sommermonaten werden die Fellows qualifiziert, um, wie Referatsleiter Heinze hervorhebt, den "sächsischen Leistungsansprüchen gerecht zu werden". Ziel sei es natürlich, dass die Einsatzschulen einen "tatsächlichen Entlastungseffekt" verspürten.

Teach First richtet sich vor allem an Schulen, bei denen gewisse Indikatoren einen Bedarf vermuten lassen, erklärt Ulf Matysiak. Das könnten hohe Abbrecherquoten oder Probleme beim Schulübergang sein, Schulen mit nachweisbar höheren erzieherischen Aufgaben oder solche mit großen Anteilen von Schülern mit besonderem Förderbedarf. Jeder Fellow werde einer Lehrkraft im Unterricht fest zugeordnet, was differenzierte Angebote und Kleingruppenarbeit ermöglicht. Außerunterrichtlich bieten die Fellows zusätzliche Förderangebote an - von Nachhilfe bis zu Sport und Musik. "Die Fellows sind im Kollegium integriert. Sie sollen keinesfalls von den Lehrerkollegen in Betreuung genommen werden", sagt Matysiak.

Wie gut das in der Praxis funktionieren kann, berichtet Carolin Ahlers aus Schäplitz in Sachsen-Anhalt, die in Berlin lebt und als Fellow an einer Oranienburger Schule tätig ist. Sie hat Sozialmanagement und Nachhaltigkeitswissenschaften studiert. An der Grund- und Oberschule Löwenberg arbeitet sie in einer Alphabetisierungsklasse mit Kindern aus acht Ländern. Nachmittags bietet sie unter anderem Hausaufgabenbetreuung und eine Sport-Arbeitsgemeinschaft an. "Ich habe das Gefühl, viel Verantwortung zu übernehmen und ein vollwertiges Mitglied im Kollegium zu sein", sagt Carolin Ahlers. "Wenn ich doch einmal überfordert bin - und das bin ich gern, denn daraus lerne ich - ,steht mir eine Mentorin zur Seite."

Für Sachsen hat die Rekrutierung der Fellows begonnen. Teach First unterhält in Dresden ein Büro und hat Kontakte zu den hiesigen Hochschulen aufgebaut. Die Fellows verfügen in der Regel über einen Masterabschluss. Einige sind Bachelor, andere haben promoviert. Alle bewerben sich für jeweils zwei Jahre. Bei 70 bis 80 Stellenbesetzungen im Jahr gehen die Bewerbungen in die hunderte, sagt Ulf Matysiak.

Aus Sicht der Fellows ist das, was das Personal in Sachsens Schulen bald entlasten soll, nicht nur eine gesellschaftsdienliche Arbeit - sondern auch ein persönliches Trainingsprogramm. Fellows erhalten Zusatzqualifikationen und entwickeln neue Facetten ihrer Persönlichkeit. Carolin Ahlers glaubt, dass ihre Arbeit als Fellow sie widerstandsfähiger, stressresistenter, krisenfester gemacht habe. Für ihre eigene Zukunft schließt sie eine schulische Karriere nicht aus: "Meine Orientierung in diese Richtung hat sich durch das Programm verstärkt."

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