Chemnitz 875 - Zwickau 900: Zwei Städte starten ins Festjahr

In den beiden größten Orten Südwestsachsens wird 2018 an ihre Entstehung erinnert. Es wird viel gefeiert, dabei fehlen die Gründungsurkunden. Und in Chemnitz wurde obendrein die Zeitrechnung geändert.

Chemnitz/Zwickau.

Die Frage, die die Veranstalter in Chemnitz in diesen Tagen am häufigsten beantworten müssen, lautet: Warum feiern wir schon wieder? 1965 gab es in Karl-Marx-Stadt die 800-Jahr-Feier. Nun, 53 Jahre später, auf einmal 875? Die frühere Leiterin des Stadtarchivs wird dazu am Mittwochabend extra in einem Vortrag Aufklärungsarbeit leisten. Ihre Kernaussage: In der DDR, wo man 20 Jahre nach Kriegsende die Errungenschaften des Sozialismus präsentieren wollte, ignorierte man die urkundliche Ersterwähnung 1143 und nahm an, die Entstehung von Chemnitz stehe in Zusammenhang mit einem Aufenthalt Kaiser Barbarossas in Altenburg um 1165. Dafür, so Gabriele Viertel, seien aber bis heute keinerlei Belege gefunden worden.

Die Stadt Chemnitz entschied sich also gegen eine 850-Jahr-Feier 2015 und für eine 875-Jahr-Feier 2018. Zwar gibt es auch für das Jahr 1143 kein Stadtgründungsdokument. Aber eine Urkunde, in der das Benediktinerkloster St. Marien (heute Schloßbergmuseum) die Marktrechte bekam. Dabei wird ein "locus Kameniz" (Ort Chemnitz) erwähnt.

"Chemnitz singt!" - ein Chor aus 1500 Chemnitzern und Vertretern der Partnerstädte wird am 21. Januar in der Messe das Festjahr offiziell eröffnen. Eine große Festwoche wird es nicht geben, stattdessen übers Jahr verteilt Dutzende Veranstaltungen und Projekte mit unterschiedlichen Akteuren. Dazu gehört ein Kleinkunsttag zum 200. Geburtstag von Karl Marx im Mai, ein Luftfahrtspektakel am ehemaligen Flughafen im Juni und der Klostersommer - ein Stadtteilfest, das sich bis in den September hinein ziehen soll.

Anstatt vorzugeben, wie gefeiert wird, fragte die Stadt die Bürger. Heraus kamen rund 75 Projekte mit 130 Veranstaltungen - unter den fünf Themenfeldern Liebe, Form, Herausforderung, Höchstleistung und Fortschritt. "Ich wollte die Chemnitzer anregen, über ihre eigene Geschichte nachzudenken und sich zu positionieren: Was ist den Menschen an der Stadtgeschichte wichtig?", sagt Initiator Christoph Fasbender, Professor für Deutsche Literatur und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der TU Chemnitz. Die meisten, die sich nun als Veranstalter engagierten, hätten vorher nur ganz selten etwas öffentlich präsentiert. "Das ist aber auch das Aufregende daran", sagt Fasbender. "Die Menschen erobern sich die Stadt über das Thema Stadtgeschichte."

Auch in Zwickau fehlt das eigentliche Dokument zur Stadtgründung. Aber hier liegen die Dinge klarer: 1968 gab es bereits die 850-Jahr-Feier, nun werden 900 Jahre Zwickau festlich begangen. Hier beruft man sich auf eine Urkunde vom 1. Mai 1118. An diesem Tag wurde die Marienkirche in der Siedlung Osterweih als Taufkirche für die Christianisierung der Gegend vom Naumburger Bischof Dietrich geweiht. In dem Schriftstück wird erstmals das "territorio Zcwickaw" erwähnt, eine von Slawen besiedelte Gegend, deren Zentrum das Dorf Osterweih war. Es lag im Gebiet der heutigen Zwickauer Nordvorstadt.

Höhepunkt der Feierlichkeiten in Zwickau wird eine Festwoche im Mai mit dem "Festival of Lights". Dabei werden etwa 20 Gebäude in der Innenstadt, darunter die mittelalterlichen Priesterhäuser, kunstvoll angestrahlt. Bereits im Februar wird in den Priesterhäusern auch eine große Sonderschau zur Stadtgeschichte eröffnet. Weitere Höhepunkte sind ein Ballonfest, die Einweihung des Historischen Dorfes und ein großer "Autotag" im August, der die Entwicklung der Autostadt von Horch über Trabant bis zu Volkswagen dokumentiert.

Auf Plakaten wirbt der gebürtige Zwickauer Gert Fröbe ebenso für den runden Geburtstag wie der Komponist Robert Schumann, der Künstler Max Pechstein oder der Trabant. "Mit dem Stadtjubiläum möchten wir auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, wie vielfältig Zwickau ist", sagt Projektleiterin Grit Weise vom Zwickauer Kulturamt. Eine Million Euro werden dafür ausgegeben.

Die Mauritius-Brauerei hat zum Zwickauer Stadtjubiläum extra ein neues Bier kreiert. "Elf18" heißt die bernsteinfarbene Sorte aus vier verschiedenen Hopfensorten mit 12,9 Prozent Stammwürze und einem Alkoholgehalt von 5,3 Prozent; die Brauer bescheinigen ihm einen fruchtigen Charakter. Das Bierbrauen hat in Zwickau eine lange Tradition: Das örtliche Franziskanerkloster verfügte schon anno 1231 über ein eigenes Brauhaus.

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