Chemnitzerin Lutricia Bock erstmals auf Thron

Die 16-Jährige beendete bei den Deutschen Eiskunstlaufmeisterschaften die Chemnitzer Titelabstinenz bei den Damen.

Essen.

Die Situation glich der aus dem Vorjahr, doch dieses Mal meisterte Lutricia Bock vom Chemnitzer EC (CEC) diese mit Bravour: Während der Kürentscheidung hatte sie als letzte Starterin alle Trümpfe in der Hand. Während sie 2014 mehrfach patzte, begeisterte sie am Sonntag die Zuschauer mit ihrem anmutigen und gleichfalls kecken Auftritt, bei dem ihr zudem alle Schwierigkeiten fast optimal gelangen. Im Gegensatz dazu waren ihren weitaus erfahreneren Kontrahentinnen Nicole Schott (Siegerin 2014) und Nathalie Weinzierl (2013) mehrfach Fehler unterlaufen, in den künstlerischen Komponenten besaßen sie noch Vorteile. So galt es ein paar bange Minuten zu überstehen, ehe das Ergebnis aufleuchtete. Die Schülerin vollführte keinen Freudensprung - dafür ist sie nicht der Typ - aber sie strahlte in die Kameras, die plötzlich alle auf sie gerichtet waren.

"Der Titel war mein Ziel. Ich freue mich riesig, dass es nun geklappt hat. Ich bin sehr glücklich", meinte Lutricia Bock, die vorher schon ein bisschen mehr Druck gespürt hatte. Aber sie lief in dieser Saison ihre bisher beste Kür, die sie im vergangenen Sommer während eines Lehrganges in Detroit aufgebaut hatte. "Eine tolle Leistung von Lutricia, die auch läuferisch reifer aufgetreten ist. Und für Chemnitz eine bombastische Sache", applaudierte Ex-Weltklassepaarläufer Robin Szolkowy auch in seiner Funktion als CEC-Präsident. Dabei zeigte die ehrgeizige junge Dame einmal mehr, dass sie im Wettkampf über sich hinauswachsen und zudem auch alle Probleme ringsherum ausblenden kann. Denn nach wie vor ist die Trainerfrage bei ihr ungeklärt. In Essen betreute sie Viola Striegler in ihrer Funktion als Bundestrainerin an der Bande. "Wir werden nach der Meisterschaft eine Entscheidung fällen. Die Lage ist schon kompliziert", erklärte die Berlinerin.

Doch zunächst folgte für Lutricia Bock erst einmal noch das abendliche Schaulaufen, bei dem sie sich neben ganz prominenten Siegern feiern lassen durfte. Allen voran Aljona Savchenko, die mit ihrem neuen Partner Bruno Massot für die Höhepunkte dieser Titelkämpfe sorgten. Besonders bei der fünffachen Weltmeisterin war zu spüren, wie sie die Rückkehr genoss. Sie winkte nach ihren Darbietungen immer wieder ins Publikum, zeigte sich gut gelaunt, gab jederzeit geduldig Autogramme. Das Duo überzeugte vor allem mit technischen Höchstschwierigkeiten. Neben den Dreifachwürfen und die dreifachen Toeloop und Salchow als Einzelsprünge zeigte es sich auch in der Darstellungsart stark verbessert. "Ich habe mich sehr gefreut, wieder bei einer Meisterschaft dabei zu sein. Die Sehnsucht nach dem Publikum wurde zuletzt immer größer", meinte Aljona Savchenko, die mit Robin Szolkowy einst schon acht Titel holte. "Noch war nicht alles perfekt, aber wir sind sehr zufrieden." Nach den beiden internationalen Wettkämpfen in Tallinn und Warschau, die das Duo mit bemerkenswerten Punktzahlen gewann, war der Sieg an sich eine Formsache. Doch für die gebürtige Ukrainerin hatte auch dieser Erfolg einen besonderen Wert. Dabei stand der Start kurz vorher auf der Kippe. Der Franzose hatte sich bei einem Trainingssturz einen Hexenschuss zugezogen und musste ein paar Tage pausieren.

Nachdem sich Aljona Savchenko nach den Winterspielen 2014 entschieden hatte, mit Bruno Massot einen Neuanfang zu wagen, galt es im Laufe der Zeit mehr Geduld als gedacht in Kauf zu nehmen. Das Duo fand in Oberstdorf eine neues Umfeld und mit dem früheren Paarläufer Alexander König (u. a. EM-Dritter 1988 mit Peggy Schwarz) einen verständnisvollen Trainer, der vom früheren Massot-Coach Jean-Francois Ballester unterstützt wird. Wegen der obligatorischen Sperre durften sie in der Öffentlichkeit nicht auftreten. Als der französische Verband noch länger die Freigabe verwehrte, war die Situation nicht immer einfach. "Das eine Jahr Pause habe auch ich nach der langen Zeit mit viel Stress schon einmal gebraucht, sie hat gut getan. Aber als es dann länger dauerte, vermisste ich die Wettkämpfe immer mehr", erzählte die 31-Jährige. Entsprechend riesig war die Freude, als Anfang November endlich die Freigabe kam. Ein Medaillengewinn ist bereits bei der bevorstehenden EM keine Utopie. Doch Aljona Savchenko verfolgt langfristig nach wie vor ihr ehrgeiziges Ziel: bei Olympia ganz oben stehen. "Mit Bruno kann ich alles gewinnen", sagte sie nach dem ersten Etappensieg.

Olympiasiegerin Anett Pötzsch als Trainerin erfolgreich

Kristin Wieczorek gewann als bislang letzte Chemnitzerin 2007 einen deutschen Meistertitel bei den Damen. Sie trainierte damals bei Michael Huth in Oberstdorf und startete für die USG. Für den Chemnitzer EC war Evelyn Großmann 1989 die letzte Siegerin, Simona Lang holte 1995 mit Bronze letztmalig Edelmetall.

Olympiasiegerin Anett Pötzsch, die heute als Trainerin in Dresden arbeitet, hatte nach den Auftritten ihrer Schützlinge gleich mehrfach Grund zum Jubeln. Der Berliner Franz Steubel, den sie die zweite Saison betreut, konnte seinen Erfolg bei den Männern wiederholen. Die erst 15-jährige Lea Johanna Dastich lief bei ihrer Premiere in der Damenkonkurrenz ihre bislang besten Programme und behauptete sich auf Rang vier. Ihr Ziel ist die Junioren-WM.

Martin Rappe vom Chemnitzer EC belegte den sechsten Rang. Der 22-Jährige, der 2012 schon einmal Bronze gewann und 2014 Vierter war, konnte wegen einer Leistenzerrung nicht ganz sein Leistungsvermögen abrufen. Er kam solide durch seine Programme, musste jedoch auf eine schwierige Kombination verzichten. "Ich habe gekämpft, bin schon ein bisschen enttäuscht", meinte Martin Rappe. Aufgeben ist für ihn jedoch kein Thema, zumal auch seine Trainerin Viola Striegler, die ihn in Berlin betreut, noch viel Potenzial sieht.

Peter Liebers, der Olympia-Achte von Sotschi und bislang fünffacher Meister, musste wegen einer Hüftverletzung passen. Derzeit ist unklar, wie der weitere Saisonverlauf aussieht. Fällt er für die EM aus, würde neben Franz Streubel der zweitplatzierte Paul Fentz aus Berlin starten. (mm)

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