79 Hausärzte sind 60 Jahre und älter

Die Ausstattung des Erzgebirgskreises mit Allgemeinmedizinern hat sich innerhalb des vergangenen Jahres kaum weiter verschlechtert. Allerdings werden sie nicht jünger. Doch bei aller Problematik gibt es auch ein ganz kleines Fünkchen Hoffnung.

Aue/Schwarzenberg.

Mehr geht nicht. Roswitha Stadelmann hat alles versucht, um an einen Termin bei einem Hausarzt zu kommen. Sie putzte in mehreren Praxen die Klinken. Erfolg gleich null. Sie fuhr sogar nach Chemnitz zur Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Aber auch dort wurde ihr nicht die erhoffte Hilfe zuteil. Die Frau erhielt lediglich eine Liste mit Adressen niedergelassener Ärzte im Umkreis von mehreren Kilometern. Für jemanden, der wie die Stollbergerin kein Auto hat, eine Zumutung. Dennoch versuchte sie es weiter. Doch selbst im zwölf Kilometer entfernten Zwönitz Fehlanzeige - wie zu erwarten, könnte man sagen. Das jedenfalls sagen aktuelle Zahlen der KV aus. Danach ist der Raum Stollberg die Region im Erzgebirgskreis, in der der Versorgungsgrad mit Hausärzten mit Abstand am niedrigsten ist. Er liegt gerade einmal bei 76,30 Prozent.

Ganz anders sieht es im Altkreis Aue-Schwarzenberg aus. Dort gibt es die höchste Dichte an Hausärzten, liegt der Versorgungsgrad bei 94,5 Prozent. Im Gebiet des früheren Altkreises Annaberg sieht es mit 92,8 Prozent auch noch relativ gut aus. Im ehemaligen Mittleren Erzgebirgskreis liegt der Versorgungsgrad bei 87 Prozent. Dort gibt es laut KV derzeit acht offene Hausarztstellen. In den Regionen Annaberg und Aue-Schwarzenberg belaufen sich diese Zahlen auf 8,5 beziehungsweise zehn freie Stellen. Mit 14 unbesetzten Stellen ist der Raum Stollberg logischerweise auch hier negativer Spitzenreiter. Unter dem Strich gibt es damit 40,5 Hausarztstellen im Landkreis zu besetzen. Diese Anzahl entspricht fast dem Wert von vor einem Jahr. Damals vermeldete die KV 41 offene Stellen. Warum aber ist ausgerechnet der Ex-Kreis Stollberg das Sorgenkind?

Während diese Region wirtschaftlich boomt, es etwa in Zwönitz kaum Wohnungsleerstand gibt, die Autobahn und damit Zentren wie Chemnitz und Zwickau nahezu vor der Tür liegen, wollen sich dort kaum Ärzte niederlassen. "Das ist wirklich schwer zu erklären. Es gibt im Erzgebirge viele wunderschöne Kleinstädte. Offenbar muss aber mehr an deren Außenwirkung gearbeitet werden", sagt Markus Hübschmann, Abteilungsleiter Sicherstellung bei der KV in Chemnitz. Es sei nun leider einmal so, dass in der Regel nur noch junge Ärzte in die Region kommen, die einen Bezug zu dieser haben, etwa hier geboren sind. "Diese Versorgungsprobleme im Erzgebirgskreis unterscheiden sich allerdings nicht grundlegend von denen in anderen Regionen. Die Besetzung von Praxen ausscheidender Vertragsärzte gestaltet sich bundesweit insbesondere bei Hausärzten zunehmend schwieriger", sagt Hübschmann. Patienten müssten perspektivisch mit weiten Wegen bis zum nächsten Hausarzt rechnen.

Neben der Tatsache, dass es kaum mehr Ärzte gibt, die sich auf dem Land niederlassen wollen, schlage noch ein anderes Problem von Jahr zu Jahr mehr ins Kontor. Das ist die Überalterung der noch aktiven Ärzteschaft. Laut Hübschmann sind aktuell 79 der insgesamt 208 Hausärzte im Erzgebirgskreis 60 Jahre und älter. Das sind 38 Prozent. Vor einem Jahr waren es noch 31 Prozent.

Doch warum reizt eine Niederlassung heute kaum mehr einen jungen Arzt? Das liegt vornehmlich an der Bürokratie, die immer aufgeblähter daherkommt. "Sie nimmt fast ein Drittel meiner Arbeitszeit ein", sagte im August 2017 der in Marienberg praktizierende Allgemeinarzt Detlef Neubert. Unter anderem deshalb kristallisieren sich die sogenannten Medizinischen Versorgungszentren - kurz MVZ - als wahre Erfolgsmodelle heraus. Ein solches gibt es etwa am Erzgebirgsklinikum Annaberg. Dort ist ein Hausarzt tätig. Und der darf auch 100 Prozent Arzt sein. Das bedeutet, sämtliche verwaltungstechnischen Arbeiten wie Medikamentenbestellung, Lohn- oder Mietabrechnungen liegen nicht auf seinem Tisch. Das wird zentral über das MVZ erledigt. Der Arzt arbeitet zudem in einem Angestelltenverhältnis, hat ein festes Gehalt und entsprechenden Urlaubsanspruch, erklärt Thomas Richter, Sprecher des Erzgebirgsklinikums. Anders als ein niedergelassener Arzt, der quasi selbstständiger Unternehmer ist, müsse der MVZ-Arzt beispielsweise nicht darüber nachdenken, ob er zwei oder drei Wochen am Stück Urlaub machen kann. Das alles seien teils große Vorteile, die ein MVZ biete und die deshalb auf dem Vormarsch seien und damit in bestimmten Regionen die Hausarztmisere zumindest ein klein wenig vergessen machen.

Für Roswitha Stadelmann ist das alles nicht wirklich ein Trost. Sie will aber nicht aufgeben und weitersuchen.

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